Notizen aus Nichtberlin


Notiz von einem Ledersofa, Inverness

Es ist kühl hier im Norden. Dies ist mal wieder eine Notiz von unterwegs, ich reise für zweieinhalb Wochen quer durch Großbritannien. Nach 15 Stunden Busfahrt über Nacht bin ich heute Mittag in Inverness, Schottland angekommen, bepackt mit einem Rucksack, der mir über den Kopf ragt wenn ich ihn aufgesetzt habe, und müde – ziemlich müde.

Damit bin ich allerdings schon fast bei der Hälfte meiner Reise angelangt – letzten Samstag bin ich in London Gatwick gelandet. Seitdem habe ich beobachtet, wie bei „The Boat Race“ Oxford über Cambridge triumphiert hat, habe in der Tate Modern vor Mark Rothko gestaunt, war auf der Millenium Bridge und in Shoreditch, habe stylishe Bars in Soho und einen fast 500 Jahre alten Pub auf der Fleet Street von innen gesehen. Dienstag bin ich mit dem Bus weiter nach Oxford gereist, und von dort aus nach Abingdon-on-Thames, ein süßer kleiner Ort mit ca. 33.000 Menschen, in dem mir besonders die Laufstrecke entlang der Themse und der Biergarten auf einer Insel im Fluss gefallen haben. Und die alten Steinhäuser mit bunt gestrichenen Türen, die engen Gassen und nachts die gelblich leuchtenden gusseisernen Laternen. Und natürlich die Schafe. Schafe über Schafe, mit Lämmern oder ohne. Aber von denen gibt es hier in Schottland auch noch ein paar.

Hier bin ich jetzt also zwischenzeitlich gelandet, in einem kleinen Hostel mit Kaminfeuer und Garten, nicht weit entfernt vom Fluss. Wie schon erwähnt leider ziemlich kaputt. Ich bin zwar auch nach meinen letzten Übernachtfahrten, vor zwei Jahren in der Türkei, nicht unbedingt erholt irgendwo angekommen, aber dieses Mal hatte ich zusätzlich das Pech, als Letzte mitten in der Nacht in den voll besetzten Fernbus zuzusteigen, mit dem die meisten anderen Passagiere schon Stunden unterwegs waren. Verbrauchte Luft, verschlafene Gesichter und der letzte freie Sitzplatz natürlich hinten in der Mitte, direkt neben dem Klo.

Glücklicherweise ist Inverness ein kleines gemütliches Städtchen, die Sonne schien bei meiner Ankunft und ich hatte keine Mühe, zu Fuß zu meinem Hostel zu finden. Und dann erstmal raus, ein bisschen Bewegung nach der langen Fahrt: Vom Hostel aus ist man in drei Minuten am Flussufer und in einer weiteren Viertelstunde auf den Ness Islands, einer Spazierstrecke über ein paar bewaldete Inseln im Fluss mit versteckten Buchten und verwunschenen Brücken. Dort habe ich mir den Wind um die Nase wehen lassen und auf einer Bank die letzten Sandwiches von unterwegs vernichtet.

Die Innenstadt hatte ich danach schnell erkundet: So wie es aussieht gibt es ein Shoppingcenter, einen McDonald`s, drei schottische Souvenirläden (von denen einer die Fußgängerzone über Lautsprecher mit Dudelsack-Musik beschallt), einen Second-Hand-Buchladen in einer alten Kirche und einige hübsche kleine Pubs und Cafés. Für den am urigsten aussehenden Pub, The Phoenix Ale House, habe ich mich dann später zum Abendessen entschieden und Steak and Ale Pie with Chips bestellt, ein „Pub Classic“. Ich hatte mir einen Platz in der Abendsonne am Fenster ausgesucht und war in meine Zeitung vertieft, sodass mir erst gar nicht aufgefallen ist, dass ich die einzige Frau im Pub war. Die Männer standen alle an der Bar, in diverse Gespräche vertieft, und der Uhrzeit nach zu urteilen auf dem Heimweg von der Arbeit auf ein Pint oder zwei hereingekommen. Ich wurde nicht weiter beachtet, habe mich aber trotzdem gefreut, als nach einer halben Stunde noch eine weitere Frau den Raum betrat und ein Bier bestellte.

Inzwischen bin ich wieder im Hostel angekommen, sitze auf einem alten Ledersofa und werde mich heute wahrscheinlich nicht mehr sehr weit von hier weg bewegen. Übrigens: Auch wenn es hier mit 12 Grad Tagestemperatur ca. 10 Grad kälter ist als dort, wo ich gerade herkomme, ist das für die Schotten kein Grund, nicht auch endlich mal wieder in Shorts und Flipflops rauszugehen (heute mehrfach beobachtet). Und, auch übrigens: je später der Freitagabend, desto klarer wird, dass ich zum Glück in keinem dieser Partyhostels gelandet bin, in denen ab 18:00 Uhr Trinkspiele gespielt werden. Ein Typ sitzt auf einer der Bänke und liest, ein paar Leute kochen und unterhalten sich entspannt. Scheint eine angenehme Nacht zu werden.

 

Tate Modern

Tate Modern, London

 

Tate Modern

Tate Modern II

 

Millenium Bridge

Millenium Bridge, London

 

Borough Market

Borough Market, London

 

Christchurch College, Oxford

Christchurch College, Oxford

 

River Thames, Abingdon

River Thames, Abingdon

 

Schafe

Schafe

 

Ness Islands, Inverness

Ness Islands, Inverness

 


Na, Zukunft

Ich war unterwegs am Wochenende. In Bremen, eine alte Freundin besuchen. Der Teil mit dem Weintrinken und über alte Zeiten quatschen war schön, auch wenn bei mir die Zeiten gerade eher anstrengend sind. Von den verschiedenen Baustellen ist das anstehende mündliche Examen jedenfalls nur eine.

Ein bisschen Erholung für meinen vollen Kopf hatte ich am Sonntagabend in einem Bremer Kino bei „Wir sind die Neuen“, einem angenehm leichten Film über eine wiedergegründete Alt-68er-WG und ihre Bewohner, die die Nachbarn werden von einer WG aus drei jungen bürgerlichen Karriereristen in meinem Alter. Als Katharina im Film sagt „ist halt einfach ne total sensible Zeit grade“ (das Staatsexamen), hab ich mich ein bisschen angesprochen gefühlt, so halbernst angesprochen jedenfalls. Der Kinosaal war trotzdem weitgehend voll mit klassisch bis leger gekleideten AkademikerInnen zwischen 50 und 70, die sich von dem Setting des Films wohl noch mehr angesprochen fühlten. Abgesehen von drei weiteren jungen Frauen in der Reihe vor uns waren meine Schulfreundin und ich die einzigen anwesenden Vertreterinnen unserer Generation. Nach dem Film fragte mich der ältere Herr aus dem Sitz nebenan ganz verschmitzt: „Na, Zukunft.. alles in Ordnung?“ Und irgendwie hatten alle im Saal plötzlich ganz viel Sympathie füreinander, fremde Leute haben sich voneinander verabschiedet und ich habe auf die Frage hin herzlich angefangen zu lachen.

Der ältere Herr ist dann aufgestanden, hat sich freundlich an uns vorbeigedrückt und ich war sehr belustigt und beruhigt, zurückgeben zu können „das Alter hat es eilig?“, mich zurückzulehnen und noch einen Schluck aus der reingeschmuggelten Weißweinflasche zu nehmen. Studenten sind noch Studenten. Zumindest ein bisschen.

Ansonsten ist es schön, wieder zu Hause zu sein, auch wenn ich lernen muss. Aber es ist ja wahrscheinlich auch nicht mehr so lange.

 


In den Wald

Die Stadt kann auf ihre abgerockte Art und Weise zauberhaft sein im Sommer, aber an manchen Wochenenden reicht das nicht, um Abstand zu den vollen Wochen zu gewinnen. Zum Glück gibt es Brandenburg. Ich habe gestern mit drei anderen, die den Sommer auch größtenteils arbeitend hier verbringen, 25 verwunschene Kilometer von Henningsdorf bis nach Wensickendorf zurückgelegt. Der Weg ist eine Etappe des 66-Seen-Wanderwegs, der Berlin einmal ganz umrundet. Am Anfang, kurz hinter Henningsdorf zog sich der geteerte Weg noch ein wenig, bis wir auf Waldpfade entlang der Briese abbiegen konnten. Ab dort dann: Ein Steg entlang des moorigen Briesetals, eine Pause an einem Kneippbecken und eine am Briesesee, der erfrischend kühl war und mit den feinen grünen und rötlichen Blättern, die auf der Oberfläche schwammen, aussah wie mit Konfetti übersäht. Ein bisschen herbstlich schon, sodass es umso schöner war, trotzdem noch zu schwimmen und danach um Wind zu trocknen.

Berlin hatte seine Klauen noch bis kurz vor Henningsdorf nach uns ausgestreckt, Schienenersatzverkehr, sodass wir erst eine Stunde später als gedacht losgehen konnten. Und so dämmerte es am Abend bereits, als wir in Wensickendorf ankamen, entspannt, aber müde und hungrig. Am Dorfanger hatte jedenfalls das „Landhotel Classic“ noch offen, ein stilistisch zweifelhaftes Etablissement, welches sich auf Hochzeiten spezialisiert hat – wahlweise Italienisch, mittelalterlich oder vielleicht doch „classic“. Egal, denn es gab kaltes Bier vom Fass und hervorragende Bratkartoffeln.

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Berlin – Patara Beach

Ich bin schon seit Monaten zurück in Deutschland, seit dem 31. Januar um genau zu sein, und habe in der Zwischenzeit nicht nichts geschrieben, sondern hier Notizen aus Nichtberlin gesammelt, aus Istanbul und von meinen Reisen durch die Türkei. Seit meiner Rückkehr sind tausend Dinge auf mich eingeprasselt und in dem Moment, in dem ich gerade meine Reisebilder durchgehe, um zu entscheiden, welche ich aufhängen möchte, werde ich bei diesem mädchenhaft kitschigen Bild von meinen eigenen Füßen ganz wehmütig, weil ich mich erinnere, wie großartig ich mich gefühlt habe, allein auf 17 Kilometern Strand. Wie gut es getan hat, mich allein und trotz schmerzendem Fuß bis nach vorne ans Meer gekämpft zu haben, es geschafft zu haben, meine Zehen ins Wasser zu tauchen.

Berlin hat mich wieder. Ich wurde eingesogen, in seine asphaltierten Arme genommen und schon in den ersten vierundzwanzig Stunden schneller in die Realität zurückgeholt als mir lieb war. Nun gut, hier bin ich, durchgeschüttelt, aber mit zillionen Geschichten.