Kultur


Ihre geliebte Welt: U-Bahn-Fahrten mit Sonia Sotomayor

Auf dem Weg zur U-Bahn habe ich jeden Morgen denselben Mann gegenüber an der Ampel stehen sehen, mit seiner ledernen Aktentasche, beigem Baumwollschal und vom Schlaf noch ein bisschen zotteligen grauen Haaren. Trotz der Aktentasche sah der Baumwollschal einigermaßen lässig aus, und ich habe den Mann um seine zotteligen grauen Strähnen beneidet, die auch lässig aussahen. Ich habe während der Rotphase in der Kamera meines Handys meine eigene, strengere Frisur gecheckt und bin dann so schnell es ging die Treppen hoch zur Bahn geeilt.

Die Bahn war voll um diese Uhrzeit, gegen 9:00 Uhr morgens. Je näher wir dem Potsdamer Platz kamen, desto mehr Menschen im Waggon trugen Aktentasche, und desto gedeckter wurden die Farben ihrer Mäntel. Ich war auch auf dem Weg in eins der Hochhäuser, in einen der Aufzüge, in eins der anonymen Büros am Ende des Ganges, Alltag in der Großkanzlei.

Meine liebsten Fahrten zum Potsdamer Platz in den letzten Monaten waren die, in denen ich mir die zwanzig Minuten mit den Geschichten aus dem – juristischen und persönlichen – Leben von Sonia Sotomayor vertrieben habe, die 2009 als insgesamt dritte Frau zur Richterin am US-amerikanischen Surpreme Court ernannt wurde. Sotomayor hat sie im Jahr 2013 als Memoiren unter dem Titel „My Beloved World“ (Meine geliebte Welt) veröffentlicht. Der Titel deutet bereits an, dass hier keine schreibt, die abrechnet – sondern eine, die eine Geschichte erzählen will.

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Sonia Sotomayor wächst als Tochter puertoricanischer Einwanderer in der Bronx der 50er und 60er Jahre auf. Ihr Vater ist schwer alkoholkrank und die Mutter überarbeitet und abwesend. Zuflucht findet sie bei ihrer Abuelita, trotz der schwierigen Verhältnisse immer eine Frau mit Haltung – und mit einem großen Herz für ihre Enkeltochter, für die sie zur Ersatzmutter wird. Als Sonia sieben Jahre alt ist wird bei ihr Diabetes festgestellt. Eine Diagnose, die zu dieser Zeit einen frühen Tod bedeutet, die für die junge Sonia allerdings auch dazu führt, dass sie früh selbstständig wird und lernt, sich selbst Insulin zu spritzen und auf die Signale ihres Körpers zu hören, um mit der Krankheit umzugehen.

Als sie neun ist stirbt ihr Vater an den Folgen seines Alkoholismus. Obwohl sich sein Tod abgezeichnet hatte, wird die Mutter hiervon schwer getroffen und zieht sich vor ihren Kindern in Arbeit und Depression zurück. Dennoch gibt es auch hier einen Wendepunkt, als sich die Tür zum Schlafzimmer der Mutter wieder öffnet und sie wieder beginnt, ihre Kinder nicht mehr nur finanziell zu versorgen, sondern zu umsorgen so weit sie kann. Und sie setzt sich für ihre Bildung ein, schickt Sonia auf eine katholische Schule. Auch wenn das Geld zu Hause knapp ist – das Schulgeld ist eine Investition in Sonias Zukunft. Von dieser Schule aus schafft sie es (nicht zuletzt dank Affirmative Action) nach Princeton und später auf die Yale Law School.

Sonia Sotomayor schreibt von all dem in einem derart hoffnungsvollen Ton, dass sie einen glauben macht, dass man trotz widriger Umstände alles schaffen kann, wenn man nur wissbegierig und interessiert ist – und sich einsetzt für die Dinge, an die man glaubt. Und genau das ist ein tragendes Motiv des Buches: „anderen Mut zu machen“.

Auch wenn ich keine Juristin bin, die sich aus sozial benachteiligten Verhältnissen heraus den Platz an einer Universität erkämpfen musste, so bewundere ich umso mehr ihren Mut und ihre bedingungslose Zähigkeit, die ohne Bitterkeit ist. Und so oder so kann es als Juristin ab und an sehr angenehm sein, wenn einem jemand aus dem eigenen elitären Feld Mut macht. Denn unter Juristen passiert es relativ selten, dass gerade jemand, der an einer einflussreichen Position angelangt ist, sich an die Öffentlichkeit und mit ihr an all diejenigen wendet, die diesen Weg womöglich noch vor sich haben, um die eigene Geschichte zu erzählen – verknüpft mit der Botschaft: „Was ich geschafft habe, könnt ihr auch schaffen.“

Darüber hinaus gibt es kaum einflussreiche Juristinnen oder Juristen, die so ehrlich über Konkurrenzdruck, Arbeitsbelastung und auch den ein oder anderen persönlichen Misserfolg geschrieben haben – über einen Teil also, der zur Realität von jungen Juristen ebenso gehört wie die erfolgreich absolvierten Prüfungen, Doktorarbeiten und beruflichen Stationen. Sotomayor hat einen Bericht nicht nur über ihren eigenen Werdegang geliefert, sondern auch über die Wirklichkeit und Mentalität ihres Fachbereichs.

Meine Monate in der Großkanzlei haben mir Erfahrungen eingebracht, die ich nicht missen möchte – und sicher habe ich manches gelernt. Dennoch habe ich gelächelt, als ich die folgenden Zeilen gelesen habe, eingequetscht in der Bahn zwischen Menschen im Anzug:

Ich wusste auch genau, was ich nicht wollte: ein Leben als kleines Rädchen im Getriebe einer Großkanzlei. Jahrelang in Bibliotheken herumzusitzen und Schriftsätze die verschiedenen Organisationsebenen hinauf bis zur Spitze zu schicken – das reizte mich ungefähr so sehr wie die Arbeit in einem Kohlebergwerk.

Sonia Sotomayor zog hiermit die Konsequenzen aus einem unbefriedigenden Studienpraktikum in einer führenden New Yorker Sozietät und fing nach dem Studium zuerst bei der Staatsanwaltschaft an, wo sie zwar einem enormen Arbeitspensum standhalten musste, andererseits aber sofort ihre ersten Erfahrungen im Gerichtssaal machen konnte. Später wechselte sie zu einer etwas kleineren Kanzlei und arbeitete dort im Zivilrecht, bis sie von dort aus schließlich zur Bezirksrichterin in New York ernannt wurde. An dieser Stelle endet das Buch. Sotomayor schreibt zur Wahl dieses Zeitpunkts im Prolog:

Manche Leser werden vielleicht enttäuscht sein, dass ich meine Geschichte vor zwanzig Jahren enden lasse, mit meinem ersten Richterposten. Das hat mit der persönlichen Natur dessen zu tun, was ich auf diesen Seiten vermitteln möchte. Denn ohne behaupten zu wollen, dass ich mich seit damals nicht weiterentwickelt hätte, meine ich doch, dass ich im Wesentlichen bereits der Mensch war,der ich heute bin. Ein solches Gefühl der Vollständigkeit oder Abgeschlossenheit habe ich bei meiner Richterlaufbahn nicht.

Dennoch ist sie heute, jedenfalls was ihre Karriere betrifft, angekommen. Wie wir wissen, hat diese Geschichte also eine Fortsetzung, die gerade gelebt wird. Ich wäre gespannt, in zehn oder zwanzig Jahren darüber zu lesen, was seit ihrer Ernennung zur Bezirksrichterin passiert ist.


Never, ever, ever be alone

zuerst auf freitag.de

Konzert: Die Songs von Indie-Rocker Kurt Vile haben einiges an neuzeitlichen Sehnsüchten zu bieten. Kommenden Donnerstag spielt er im Berliner Festsaal Kreuzberg

Vor ungefähr einem Jahr standen wir mit Konzert-Tickets vor der Berghain-Kantine in der Abendsonne. Es war heiß, wir alle hatten einen langen Tag hinter glatten Bildschirmflächen verbracht, haben uns ein Feierabendbier gekauft und niemand hatte so richtig Lust, die zwei stiernackigen Türsteher zu passieren, um in den kleinen stickigen Raum dahinter zu kommen. Als wir von draußen hören konnten, dass Ned Collette, der Opening Act, bereits begonnen hatte, quetschten wir uns in die hinteren Reihen – und als Kurt Vile anfing zu spielen war es längst egal, dass unsere Kleider am Körper klebten.

Ein wenig so, als hätten wir zwischen den ganzen elektronischen Beats, die diese Stadt inzwischen weitgehend dominieren, auf einen gewartet, der nicht viel mehr braucht als eine anständige Gitarre und von langen, wirren Haaren fast vollständig verdeckt über Liebe und eine diffuse Zukunft singt.

When I walk in, my head is practically dragging / Yeah, and all I ever see is just a whole lot of dirt / My whole life’s been one long running gag / Two packs of red apples for the long ride home (Kurt Vile – Runner Ups)

Beim ersten Hören wirkt sein Sound aus der Zeit gefallen, erinnert an The Smiths und 90er-Grunge. Die Sehnsucht, die etwa der Song „Baby`s Arms“ mit I would never, ever, ever be alone in Worte fasst, ist eine nach Zugehörigkeit zwischen den Oberflächlichkeiten der Großstadt. Ein Gefühl, das bisher keiner besser zum Ausdruck gebracht hat als The Smiths in „There is a light that never goes out„.

Dass Kurt Vile damit auch 2011, im Erscheinungsjahr seines vierten Albums „Smoke Ring for my Halo“ einen Nerv trifft, zeigen zahlreiche begeisterte Kritiken. Pitchfork etwa findet, „Kurt Vile has a lot to say“ und bei Plattentests liest man das Wort „Wunderkind“. Auch das Konzert in der Berghain-Kantine im August, bei dem er die Platte in Berlin vorstellt, ist ausverkauft und nach zwei Stunden verlässt man den Saal leicht melancholisch, dafür aber mit dem warmen Gefühl, dass Viles Musik etwas greifbar gemacht hat, dass sonst an der Anonymität abperlt.

An diesem Donnerstag ist Kurt Vile gemeinsam mit seiner Band „The Violators“ wieder zu Gast in Berlin, dieses Mal beim Puschenfest im Festsaal Kreuzberg.  Als mindestens heimlicher Headliner des zweitägigen Festivals wird er weitere hungrige Großstadtmenschen anziehen und Geschichten erzählen, die er auch 2012 am besten erzählen kann: Über die Sehnsucht danach, anzukommen.

/ Tagestickets gibt es für 13 Euro.

/ Info: Kurt Vile ist 1980 in Philadelphia, USA, geboren. Er ist Gründungsmitglied der Band The War on Drugs und widmet sich seit 2008 seiner Solokarriere als Indie-/Rootsrocker.