beat


Letzten Sommer

Die Hitze kriecht noch immer bis in die letzten Reihen des Hörsaals, obwohl es spät am Nachmittag ist. Durchs offene Fenster dringt gedämpfter Applaus, meine Oberschenkel kleben an der Stuhlkante. Draußen schmeckt nach kalter Club Mate und während Sandalenabsätze Abdrücke in aufgeweichtem Teer hinterlassen fragt man sich, wann es dazu kommt, dass das Konglomerat aus Hipstern, Touristen und all denen dazwischen auf den breiten Bürgersteigen aufhört zu schwitzen und anfängt, nach Club Mate zu riechen.

Zwischen Hermannstraße, Kottbusser Tor und Schönhauser Allee liegen neun komma vier Kilometer mit vierundsiebzig Dönerläden, sechsunddreißig Galerien, einhundertsieben Kneipen, dreizehn Pfandflaschensammlern, fünfhundert Marketingmenschen und ebensovielen urbanen Hippies, vier Tankstellen, zwölf Supermärkten und vierundfünfzig Szenecafés. Es riecht nach Benzin und Minztee, teurem Parfum, abgestandenem Bier und frischem Zigarettenrauch. Nur wenn ich sonntagmorgens mitten auf dem Tempelhofer Feld sitze und kein einziges Gebäude mehr sehen kann ist der silberne Glitzer auf deiner Wange das Einzige, das an Berlin erinnert.

„Das Pflaster war nass von einem Regen aus elektrischer Farbe. […] Hitze öffnet den Schädel einer Großstadt, legt ihr weißes Gehirn bloß und ihr Herz aus Nerven, die prasseln wie Drähte einer Glühbirne. Und ein saurer, außermenschlicher Geruch strömt aus, der selbst Stein wie lebendiges Fleisch wirken lässt, mit Haut bedeckt und pulsierend.“ Truman Capote // Sommerdiebe

Die elektrische Farbe ist gedämpfter hier, nur die Friedrichstraße ist nachts weiß und menschenleer. Überall sonst besteht dieser Sommer aus Menschen auf der Oranienstraße, die auf Bierbänken sitzen und Falafel essen. Oder im Görlitzer Park zu elektronischer Musik tanzen oder raus an den Schlachtensee fahren, um dort über die Zehlendorfer Jugend lächeln, die sich nachts am Ufer betrinkt. Sechzehnjährige mit tausend Liedern über Fußball und Alkohol. Dieser Sommer vermittelt Leichtigkeit in einer Präsenz, die vor Hitze nasse Fingerspitzen tiefer ins Gras drückt. Um ein Haar hätten wir erwartet, dass die Stadt uns von selbst gibt, wonach wir suchen.

Die Marktverkäufer am Maybachufer, die U-Bahn, die Bässe aus den Clubs und Gitarren im Park besitzen ihren eigenen Beat, der uns politisiert und die Beziehungen unserer Umgebung bestimmt. Wir selbst sind Anfang zwanzig in diesem Sommer und die Stadt vermittelt das Gefühl, auch in weiteren zwanzig Jahren noch dieselben zu sein. Die Mütter und Väter im Prenzlauer Berg spielen für uns mit ihrer angestrengten Entspanntheit nur die Paraderolle derer, die zu verängstigt sind vor dem Zahn der Zeit, während wir, die anderen, die kurzen Sequenzen von trampelnden Kinderfüßen auf Cafédielen dazu nutzen, um uns abzugrenzen.

Du sitzt mir gegenüber auf dem Bett, draußen fährt die U-Bahn vorbei und Menschen bleiben mit ihren Blicken für Sekunden an den Postkarten an meiner Wand hängen. Es wird dunkel draußen und wir trinken kaltes Bier aus dem Späti vor der Haustür. Ich höre mit geteilter Aufmerksamkeit einem mittelmäßigen Singer-Songwriter zu, der in der Playlist aufgetaucht ist und auch wenn ich mit beiden Händen deine Schultern umfasse bist du weiter weg als mich dein Atem auf meinen Fingerspitzen glauben machen will.

Erwachsene Großstadtkinder.