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Müggelsee

August in Berlin. Die Hitze ist inzwischen bis in den letzten Winkel meines Zimmers gekrochen. Nur wenn ich alle Türen und Fenster der Wohnung offen lasse bewegt sich die Luft ganz leicht.

Letzten Samstag war ich mit Freunden am Müggelsee. Wir hatten einen Platz in einer kleinen bewaldeten Bucht gefunden, wo sich außer uns nur eine Handvoll anderer Leute niedergelassen hatten – einsam also, vergleicht man diese Badestelle mit den dieser Tage wahrscheinlich wieder hoffnungslos überfüllten Ufern von Schlachtensee und Krummer Lanke. Wir sind ins seichte Wasser gewatet und irgendwann geschwommen. Ich habe tief Luft geholt und mich auf dem Rücken über die Wellen treiben lassen, Blick zum Himmel und dann schön flach weitergeatmet, damit ich oben bleibe.

Zurück auf unseren Handtüchern haben wir kalten Cidre getrunken, gequatscht, gelesen, aufs Wasser gestarrt. Meine Freundin J. meinte, sie habe schon lange nichts mehr von mir gelesen. Das stimmt – ich habe mir schon lange keine Zeit mehr dazu genommen, etwas aufzuschreiben, zumindest nicht hier. Ich bin in der Zwischenzeit Referendarin geworden. Ich verbringe viel Zeit damit, Papierberge in Form von Gerichtsakten quer durch die Stadt zu fahren, vom Landgericht in der Littenstraße nach Hause, von dort in die Bibliothek und wieder zurück und schließlich wieder zum Landgericht. Ich habe eine Arbeitsgemeinschaft, ich mache Sport, ich treffe Freunde, ich liege irgendwo herum lese Romane und Biografien und die Zeitung. Und zwischen all dem hat, ohne dass ich es zuerst bemerkt habe, ein neuer Abschnitt angefangen. Während ich also damit beschäftigt war (beziehungsweise bin), mich zu orientieren, gab es seit einer Weile keinen Moment mehr, in dem ich mich an meinen Laptop gesetzt habe, um zu schreiben. Aber ich habe festgestellt, dass es mir gefehlt hat.

Auch jetzt gerade hänge ich so zwischen ein paar Stunden am Schreibtisch, die ich mit einem Lehrbuch für Zivilprozessrecht verbracht habe, einem schnellen Abendessen und einer Verabredung auf ein Bier an der Spree gegen später. Unter der Woche sehen die Tage gerade öfter so aus, deshalb habe ich den Ausflug zum See am letzten Wochenende umso mehr genossen. Bäume, Wasser, nur ein paar Menschen und keine Uhrzeit, zu der man wieder irgendwo anders sein muss. Wir lagen dort also unter den Bäumen am Ufer und haben uns beim Cidre über unsere Trinkgewohnheiten und gute Drinks unterhalten. Dabei sind mir die Bloody Marys eingefallen, die ich vor Kurzem an einem Wochenende im Süden für alle, die wollten als Aperitif gemacht habe. Ich habe ein IPhonefoto davon rumgereicht und dachte, dass ich gerne noch ein paar davon trinken würde, solange der Sommer hält. Mit Freunden auf dem Balkon oder irgendwo in der Natur, wo man nur grüne Blätter und den blauen Himmel sieht, wenn man nach oben schaut. Wo man wieder auf irgendwelchen Decken und Handtüchern liegt und ein bisschen Wind über einen hinwegweht, der die Hitze erträglich macht. Und wo einem manchmal die besten Ideen kommen, weil man nicht zehn Dinge gleichzeitig im Kopf hat. Nicht die nächsten drei Termine im Geiste durchgeht und überhaupt nirgendwo anders ist als genau dort.

 

Müggelsee

Müggelsee

 

Bloody Mary: Wodka, Tomatensaft, eine Prise Salz, ein Spritzer Zitrone. Pfeffer, Tabasco, ein paar Tropfen Worcestersauce. Und Selleriestangen, gestutzt auf Glashöhe (weil: schön und lecker).


Ihre geliebte Welt: U-Bahn-Fahrten mit Sonia Sotomayor

Auf dem Weg zur U-Bahn habe ich jeden Morgen denselben Mann gegenüber an der Ampel stehen sehen, mit seiner ledernen Aktentasche, beigem Baumwollschal und vom Schlaf noch ein bisschen zotteligen grauen Haaren. Trotz der Aktentasche sah der Baumwollschal einigermaßen lässig aus, und ich habe den Mann um seine zotteligen grauen Strähnen beneidet, die auch lässig aussahen. Ich habe während der Rotphase in der Kamera meines Handys meine eigene, strengere Frisur gecheckt und bin dann so schnell es ging die Treppen hoch zur Bahn geeilt.

Die Bahn war voll um diese Uhrzeit, gegen 9:00 Uhr morgens. Je näher wir dem Potsdamer Platz kamen, desto mehr Menschen im Waggon trugen Aktentasche, und desto gedeckter wurden die Farben ihrer Mäntel. Ich war auch auf dem Weg in eins der Hochhäuser, in einen der Aufzüge, in eins der anonymen Büros am Ende des Ganges, Alltag in der Großkanzlei.

Meine liebsten Fahrten zum Potsdamer Platz in den letzten Monaten waren die, in denen ich mir die zwanzig Minuten mit den Geschichten aus dem – juristischen und persönlichen – Leben von Sonia Sotomayor vertrieben habe, die 2009 als insgesamt dritte Frau zur Richterin am US-amerikanischen Surpreme Court ernannt wurde. Sotomayor hat sie im Jahr 2013 als Memoiren unter dem Titel „My Beloved World“ (Meine geliebte Welt) veröffentlicht. Der Titel deutet bereits an, dass hier keine schreibt, die abrechnet – sondern eine, die eine Geschichte erzählen will.

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Sonia Sotomayor wächst als Tochter puertoricanischer Einwanderer in der Bronx der 50er und 60er Jahre auf. Ihr Vater ist schwer alkoholkrank und die Mutter überarbeitet und abwesend. Zuflucht findet sie bei ihrer Abuelita, trotz der schwierigen Verhältnisse immer eine Frau mit Haltung – und mit einem großen Herz für ihre Enkeltochter, für die sie zur Ersatzmutter wird. Als Sonia sieben Jahre alt ist wird bei ihr Diabetes festgestellt. Eine Diagnose, die zu dieser Zeit einen frühen Tod bedeutet, die für die junge Sonia allerdings auch dazu führt, dass sie früh selbstständig wird und lernt, sich selbst Insulin zu spritzen und auf die Signale ihres Körpers zu hören, um mit der Krankheit umzugehen.

Als sie neun ist stirbt ihr Vater an den Folgen seines Alkoholismus. Obwohl sich sein Tod abgezeichnet hatte, wird die Mutter hiervon schwer getroffen und zieht sich vor ihren Kindern in Arbeit und Depression zurück. Dennoch gibt es auch hier einen Wendepunkt, als sich die Tür zum Schlafzimmer der Mutter wieder öffnet und sie wieder beginnt, ihre Kinder nicht mehr nur finanziell zu versorgen, sondern zu umsorgen so weit sie kann. Und sie setzt sich für ihre Bildung ein, schickt Sonia auf eine katholische Schule. Auch wenn das Geld zu Hause knapp ist – das Schulgeld ist eine Investition in Sonias Zukunft. Von dieser Schule aus schafft sie es (nicht zuletzt dank Affirmative Action) nach Princeton und später auf die Yale Law School.

Sonia Sotomayor schreibt von all dem in einem derart hoffnungsvollen Ton, dass sie einen glauben macht, dass man trotz widriger Umstände alles schaffen kann, wenn man nur wissbegierig und interessiert ist – und sich einsetzt für die Dinge, an die man glaubt. Und genau das ist ein tragendes Motiv des Buches: „anderen Mut zu machen“.

Auch wenn ich keine Juristin bin, die sich aus sozial benachteiligten Verhältnissen heraus den Platz an einer Universität erkämpfen musste, so bewundere ich umso mehr ihren Mut und ihre bedingungslose Zähigkeit, die ohne Bitterkeit ist. Und so oder so kann es als Juristin ab und an sehr angenehm sein, wenn einem jemand aus dem eigenen elitären Feld Mut macht. Denn unter Juristen passiert es relativ selten, dass gerade jemand, der an einer einflussreichen Position angelangt ist, sich an die Öffentlichkeit und mit ihr an all diejenigen wendet, die diesen Weg womöglich noch vor sich haben, um die eigene Geschichte zu erzählen – verknüpft mit der Botschaft: „Was ich geschafft habe, könnt ihr auch schaffen.“

Darüber hinaus gibt es kaum einflussreiche Juristinnen oder Juristen, die so ehrlich über Konkurrenzdruck, Arbeitsbelastung und auch den ein oder anderen persönlichen Misserfolg geschrieben haben – über einen Teil also, der zur Realität von jungen Juristen ebenso gehört wie die erfolgreich absolvierten Prüfungen, Doktorarbeiten und beruflichen Stationen. Sotomayor hat einen Bericht nicht nur über ihren eigenen Werdegang geliefert, sondern auch über die Wirklichkeit und Mentalität ihres Fachbereichs.

Meine Monate in der Großkanzlei haben mir Erfahrungen eingebracht, die ich nicht missen möchte – und sicher habe ich manches gelernt. Dennoch habe ich gelächelt, als ich die folgenden Zeilen gelesen habe, eingequetscht in der Bahn zwischen Menschen im Anzug:

Ich wusste auch genau, was ich nicht wollte: ein Leben als kleines Rädchen im Getriebe einer Großkanzlei. Jahrelang in Bibliotheken herumzusitzen und Schriftsätze die verschiedenen Organisationsebenen hinauf bis zur Spitze zu schicken – das reizte mich ungefähr so sehr wie die Arbeit in einem Kohlebergwerk.

Sonia Sotomayor zog hiermit die Konsequenzen aus einem unbefriedigenden Studienpraktikum in einer führenden New Yorker Sozietät und fing nach dem Studium zuerst bei der Staatsanwaltschaft an, wo sie zwar einem enormen Arbeitspensum standhalten musste, andererseits aber sofort ihre ersten Erfahrungen im Gerichtssaal machen konnte. Später wechselte sie zu einer etwas kleineren Kanzlei und arbeitete dort im Zivilrecht, bis sie von dort aus schließlich zur Bezirksrichterin in New York ernannt wurde. An dieser Stelle endet das Buch. Sotomayor schreibt zur Wahl dieses Zeitpunkts im Prolog:

Manche Leser werden vielleicht enttäuscht sein, dass ich meine Geschichte vor zwanzig Jahren enden lasse, mit meinem ersten Richterposten. Das hat mit der persönlichen Natur dessen zu tun, was ich auf diesen Seiten vermitteln möchte. Denn ohne behaupten zu wollen, dass ich mich seit damals nicht weiterentwickelt hätte, meine ich doch, dass ich im Wesentlichen bereits der Mensch war,der ich heute bin. Ein solches Gefühl der Vollständigkeit oder Abgeschlossenheit habe ich bei meiner Richterlaufbahn nicht.

Dennoch ist sie heute, jedenfalls was ihre Karriere betrifft, angekommen. Wie wir wissen, hat diese Geschichte also eine Fortsetzung, die gerade gelebt wird. Ich wäre gespannt, in zehn oder zwanzig Jahren darüber zu lesen, was seit ihrer Ernennung zur Bezirksrichterin passiert ist.