Juni

Das beste Leben ist das gegenwärtige; aber meistens kommt einem die Gegenwart blass vor, sodass man fruchtlos und ermüdend an Vergangenheit und Zukunft herumzupft. Wenn die Gegenwart jedoch aufglüht, dann sollte man sich ihr überlassen, dachte Nelson. / Eva Menasse, Quasikristalle

Ich bin mehr Jurastudentin geworden, in Anerkennung der Aufgabe, die es ist, sich auf das Staatsexamen vorzubereiten. Und mit dem Ankommen in diesem Alltag kommen hin und wieder die Gedanken über das Danach, einen Plan haben, dann doch, angepasst in aller notwendigen Unangepasstheit. Das alles bis ich mich ins warme Gras sinken lasse um zu lesen, gerade noch kühles Bier zu trinken und den Kindern zusehe, die sich am Brunnen gegenseitig mit Wasser bewerfen. Der einzige Nachteil an Berlin ist ja das Fehlen von Bergen, größeren Wiesen und Wald.

Mir kommt es übrigens noch immer vor, als käme ich gerade erst aus der Türkei zurück. Auch wenn ich inzwischen beinahe so lange wieder hier bin wie die Zeit, in der ich weg war. Die neue Strukturiertheit meines Alltags, die mich gleichermaßen stresst, fordert und entspannt, lässt die Zeit manchmal wie im Zeitraffer vorbeiziehen. Wenn ich mit dem Fahrrad die Stargarder Straße entlangfahre, nach der Uni, ein kleiner Schlenker, fällt mir bei den vielen Menschen vor den Cafés und Eisdielen erst wieder ein, dass ich auch mal mehr Zeit hatte um in Cafés zu sitzen, herumzuphilosophieren und Kaffee zu trinken. Glücklicher war ich deswegen nicht immer.

Dennoch wird der Sommer bedeuten, die letzten Fetzen meiner Selbstdisziplin zusammenzukratzen, um trotzdem an fünf Tagen in der Woche zwischen Neun und Zehn in die Bibliothek zu fahren, und dort zu bleiben, lesen, Klausuren schreiben, Karteikarten füllen. 9 Stunden in der Woche meinen Repetitoren zuhören, die pro Stunde drei Mal das Wort examensrelevant benutzen. Eigentlich ist gerade eine ziemlich aufregende Zeit. Es fällt einem nur manchmal zwischen den ganzen Karteikarten nicht so auf.


Berlin – Patara Beach

Ich bin schon seit Monaten zurück in Deutschland, seit dem 31. Januar um genau zu sein, und habe in der Zwischenzeit nicht nichts geschrieben, sondern hier Notizen aus Nichtberlin gesammelt, aus Istanbul und von meinen Reisen durch die Türkei. Seit meiner Rückkehr sind tausend Dinge auf mich eingeprasselt und in dem Moment, in dem ich gerade meine Reisebilder durchgehe, um zu entscheiden, welche ich aufhängen möchte, werde ich bei diesem mädchenhaft kitschigen Bild von meinen eigenen Füßen ganz wehmütig, weil ich mich erinnere, wie großartig ich mich gefühlt habe, allein auf 17 Kilometern Strand. Wie gut es getan hat, mich allein und trotz schmerzendem Fuß bis nach vorne ans Meer gekämpft zu haben, es geschafft zu haben, meine Zehen ins Wasser zu tauchen.

Berlin hat mich wieder. Ich wurde eingesogen, in seine asphaltierten Arme genommen und schon in den ersten vierundzwanzig Stunden schneller in die Realität zurückgeholt als mir lieb war. Nun gut, hier bin ich, durchgeschüttelt, aber mit zillionen Geschichten.

 


Arbeit

„Arbeit wird simuliert, damit alles seine Ordnung hat.“ Das ist nicht Wirtschaft, sondern Beschäftigungstherapie. … Die Wahrheit bleibt revolutionär, die Wirklichkeit ein Witz. Aber die Pointe ist noch nicht erzählt. Die erste Klasse, das Recht darauf, wenigstens den größten Teil seines Lebens selbstbestimmt und ohne Zwänge zu verbringen, die kommt durch die Hintertür, leise, langsam, Schritt für Schritt. „Wir können die Arbeitsmoral nicht von heute auf morgen abschaffen. Aber wir können lernen, pfiffiger mit der Arbeit umzugehen. Wir können anfangen, uns mit uns selbst zu identifizieren und nicht nur mit dem, was wir tun müssen.“

– Wolf Lotter in: brandeins 08/2012 zum Thema „Nichtstun – und was sich daraus machen lässt“ (Die wörtlichen Zitate stammen vom Leipziger Soziologen Georg Vobruba)

Beinahe entschuldigend erzähle ich entfernten Bekannten, dass ich mich nicht planmäßig innerhalb der Regelstudienzeit zum Staatsexamen anmelde, sondern stattdessen ein halbes Jahr am Bosporus verbringe. Es ist wie mit der Abwesenheit meines iPhones, die mich selbst und mein nahes Umfeld entspannt, dem ich die zusätzliche Aufmerksamkeit widme, die bisher dem Touchscreen gehörte – während andere sich beschweren, dass mein Twitter-Account brachliege und ich nicht mehr nach fünf Minuten auf Mails reagiere.

Indessen erklärt Sigmar Gabriel, nach der Geburt seiner Tochter nicht mehr sein komplettes Leben der Politik unterzuordnen. Vielleicht befinden sich nach dem omnipräsenten Burnout der Nuller Jahre Dinge im Umbruch, vielleicht ist dieser Umbruch auch nur in meinem Kopf. In der (noch) aktuellen brandeins finden sich jedenfalls noch mehr aufgeworfene Fragen und Ansätze von Antworten über die Arbeitsphilosophie unserer Zeit. Und ich wünsche mir mehr Nichtstun um sie ganz zu lesen.


Never, ever, ever be alone

zuerst auf freitag.de

Konzert: Die Songs von Indie-Rocker Kurt Vile haben einiges an neuzeitlichen Sehnsüchten zu bieten. Kommenden Donnerstag spielt er im Berliner Festsaal Kreuzberg

Vor ungefähr einem Jahr standen wir mit Konzert-Tickets vor der Berghain-Kantine in der Abendsonne. Es war heiß, wir alle hatten einen langen Tag hinter glatten Bildschirmflächen verbracht, haben uns ein Feierabendbier gekauft und niemand hatte so richtig Lust, die zwei stiernackigen Türsteher zu passieren, um in den kleinen stickigen Raum dahinter zu kommen. Als wir von draußen hören konnten, dass Ned Collette, der Opening Act, bereits begonnen hatte, quetschten wir uns in die hinteren Reihen – und als Kurt Vile anfing zu spielen war es längst egal, dass unsere Kleider am Körper klebten.

Ein wenig so, als hätten wir zwischen den ganzen elektronischen Beats, die diese Stadt inzwischen weitgehend dominieren, auf einen gewartet, der nicht viel mehr braucht als eine anständige Gitarre und von langen, wirren Haaren fast vollständig verdeckt über Liebe und eine diffuse Zukunft singt.

When I walk in, my head is practically dragging / Yeah, and all I ever see is just a whole lot of dirt / My whole life’s been one long running gag / Two packs of red apples for the long ride home (Kurt Vile – Runner Ups)

Beim ersten Hören wirkt sein Sound aus der Zeit gefallen, erinnert an The Smiths und 90er-Grunge. Die Sehnsucht, die etwa der Song „Baby`s Arms“ mit I would never, ever, ever be alone in Worte fasst, ist eine nach Zugehörigkeit zwischen den Oberflächlichkeiten der Großstadt. Ein Gefühl, das bisher keiner besser zum Ausdruck gebracht hat als The Smiths in „There is a light that never goes out„.

Dass Kurt Vile damit auch 2011, im Erscheinungsjahr seines vierten Albums „Smoke Ring for my Halo“ einen Nerv trifft, zeigen zahlreiche begeisterte Kritiken. Pitchfork etwa findet, „Kurt Vile has a lot to say“ und bei Plattentests liest man das Wort „Wunderkind“. Auch das Konzert in der Berghain-Kantine im August, bei dem er die Platte in Berlin vorstellt, ist ausverkauft und nach zwei Stunden verlässt man den Saal leicht melancholisch, dafür aber mit dem warmen Gefühl, dass Viles Musik etwas greifbar gemacht hat, dass sonst an der Anonymität abperlt.

An diesem Donnerstag ist Kurt Vile gemeinsam mit seiner Band „The Violators“ wieder zu Gast in Berlin, dieses Mal beim Puschenfest im Festsaal Kreuzberg.  Als mindestens heimlicher Headliner des zweitägigen Festivals wird er weitere hungrige Großstadtmenschen anziehen und Geschichten erzählen, die er auch 2012 am besten erzählen kann: Über die Sehnsucht danach, anzukommen.

/ Tagestickets gibt es für 13 Euro.

/ Info: Kurt Vile ist 1980 in Philadelphia, USA, geboren. Er ist Gründungsmitglied der Band The War on Drugs und widmet sich seit 2008 seiner Solokarriere als Indie-/Rootsrocker.


Letzten Sommer

Die Hitze kriecht noch immer bis in die letzten Reihen des Hörsaals, obwohl es spät am Nachmittag ist. Durchs offene Fenster dringt gedämpfter Applaus, meine Oberschenkel kleben an der Stuhlkante. Draußen schmeckt nach kalter Club Mate und während Sandalenabsätze Abdrücke in aufgeweichtem Teer hinterlassen fragt man sich, wann es dazu kommt, dass das Konglomerat aus Hipstern, Touristen und all denen dazwischen auf den breiten Bürgersteigen aufhört zu schwitzen und anfängt, nach Club Mate zu riechen.

Zwischen Hermannstraße, Kottbusser Tor und Schönhauser Allee liegen neun komma vier Kilometer mit vierundsiebzig Dönerläden, sechsunddreißig Galerien, einhundertsieben Kneipen, dreizehn Pfandflaschensammlern, fünfhundert Marketingmenschen und ebensovielen urbanen Hippies, vier Tankstellen, zwölf Supermärkten und vierundfünfzig Szenecafés. Es riecht nach Benzin und Minztee, teurem Parfum, abgestandenem Bier und frischem Zigarettenrauch. Nur wenn ich sonntagmorgens mitten auf dem Tempelhofer Feld sitze und kein einziges Gebäude mehr sehen kann ist der silberne Glitzer auf deiner Wange das Einzige, das an Berlin erinnert.

„Das Pflaster war nass von einem Regen aus elektrischer Farbe. […] Hitze öffnet den Schädel einer Großstadt, legt ihr weißes Gehirn bloß und ihr Herz aus Nerven, die prasseln wie Drähte einer Glühbirne. Und ein saurer, außermenschlicher Geruch strömt aus, der selbst Stein wie lebendiges Fleisch wirken lässt, mit Haut bedeckt und pulsierend.“ Truman Capote // Sommerdiebe

Die elektrische Farbe ist gedämpfter hier, nur die Friedrichstraße ist nachts weiß und menschenleer. Überall sonst besteht dieser Sommer aus Menschen auf der Oranienstraße, die auf Bierbänken sitzen und Falafel essen. Oder im Görlitzer Park zu elektronischer Musik tanzen oder raus an den Schlachtensee fahren, um dort über die Zehlendorfer Jugend lächeln, die sich nachts am Ufer betrinkt. Sechzehnjährige mit tausend Liedern über Fußball und Alkohol. Dieser Sommer vermittelt Leichtigkeit in einer Präsenz, die vor Hitze nasse Fingerspitzen tiefer ins Gras drückt. Um ein Haar hätten wir erwartet, dass die Stadt uns von selbst gibt, wonach wir suchen.

Die Marktverkäufer am Maybachufer, die U-Bahn, die Bässe aus den Clubs und Gitarren im Park besitzen ihren eigenen Beat, der uns politisiert und die Beziehungen unserer Umgebung bestimmt. Wir selbst sind Anfang zwanzig in diesem Sommer und die Stadt vermittelt das Gefühl, auch in weiteren zwanzig Jahren noch dieselben zu sein. Die Mütter und Väter im Prenzlauer Berg spielen für uns mit ihrer angestrengten Entspanntheit nur die Paraderolle derer, die zu verängstigt sind vor dem Zahn der Zeit, während wir, die anderen, die kurzen Sequenzen von trampelnden Kinderfüßen auf Cafédielen dazu nutzen, um uns abzugrenzen.

Du sitzt mir gegenüber auf dem Bett, draußen fährt die U-Bahn vorbei und Menschen bleiben mit ihren Blicken für Sekunden an den Postkarten an meiner Wand hängen. Es wird dunkel draußen und wir trinken kaltes Bier aus dem Späti vor der Haustür. Ich höre mit geteilter Aufmerksamkeit einem mittelmäßigen Singer-Songwriter zu, der in der Playlist aufgetaucht ist und auch wenn ich mit beiden Händen deine Schultern umfasse bist du weiter weg als mich dein Atem auf meinen Fingerspitzen glauben machen will.

Erwachsene Großstadtkinder.