Monatliche Archive: August 2015


Ankommen in Berlin: Ein Tag vor dem LaGeSo in Moabit

Seit zwei Wochen erreichen mich über Facebook, Radio und Zeitungen mehrmals täglich neue Horrormeldungen. Mitten in Berlin, vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (#LaGeSo) stehen hunderte, teils über tausend Menschen bei sengender Hitze und warten. Diese Menschen sind hierhin geflüchtet und darauf angewiesen, dass das LaGeSo als berlinweit einzige Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge ihre Asylanträge aufnimmt und ihnen eine erste Unterkunft zuweist.

Der Grund für diese ganzen Meldungen ist, dass das LaGeSo mit dieser Aufgabe offenbar hoffnungslos überfordert ist. Es gibt von behördlicher Seite keine medizinische Versorgung, kein Essen, ein verdrecktes Toilettenhäuschen, und zunächst auch kein Wasser. Die Versorgung mit Wasser wurde relativ schnell von den Berliner Wasserbetrieben übernommen – und die übrige Versorgung stemmt weitestgehend das Freiwilligenbündnis Moabit hilft. Auch nach zwei Wochen hat sich daran nichts geändert, auch wenn es in der Zwischenzeit einen medienwirksamen Auftritt des Regierenden Bürgermeisters gegeben hat. Und noch immer hat am Ende des Tages nicht jeder der Ankommenden ein Bett und ein Dach über dem Kopf.

 

 

Seit die erste Meldung dieser Art in meiner Facebook-Timeline auftauchte, hatte ich das Gefühl, dass das hier alles direkt vor meiner Haustür passiert und ich eigentlich etwas tun müsste, weil Moabit nah ist und helfen so einfach. Auch wenn dahinter strukturelle Probleme stecken, die Ursachen haben, war ich schockiert, dass mitten in der Hauptstadt Menschen einfach nicht unterkommen. Nichts haben, wo sie hingehen können. Ein bisschen versöhnt mit der Menschheit habe ich registriert, wie unermüdlich die Leute von Moabit hilft eine Versorgung auf die Beine gestellt, Spenden gesammelt, Sachspenden sortiert und dadurch oft Schlimmeres abgewendet haben. Und heute habe ich es dann endlich auch mal geschafft, ein paar Sachen von mir und meinen Mitbewohnern zusammenzupacken, die in der Liste der benötigten Hilfsgüter auftauchten und bin hingefahren.

Die Organisation für die Hilfsaktion war in Haus R auf dem Gelände des LaGeSo untergebracht. Davor stand ein Holztisch mit einem freundlichen älteren Herrn dahinter, der die Sachspenden entgegengenommen hat. Ich hatte ein bisschen Zeit und fragte, ob ich irgendwo mit anpacken kann, egal wo. Der ältere Herr schickte mich zu dem Tisch nebenan, wo ich sofort ein Namensschild und ein paar Einmalhandschuhe bekam. Sicher ist wohl sicher. Im Laufe der Stunden, die ich dort verbrachte, habe ich den Namensschildstand betreut, Kleiderspenden sortiert und gemeinsam mit anderen Helfern Kleider und Schuhe an die Wartenden verteilt, die teilweise mit nichts als dem, was sie am Körper trugen, hier angekommen waren.

Die Situation war vor Ort nicht weniger schockierend als ich sie aus der Ferne empfunden habe. Und damit meine ich mit Sicherheit nicht, dass Massen von Menschen nun Berlin überfluten würden, wie es in den Kommentarspalten unter so vielen Artikeln zu lesen ist, die sich inhaltlich dem Thema annehmen. Schockierend vielmehr deshalb, weil seit Wochen hier keine menschenwürdige staatliche Erstversorgung stattfindet. Wenn man es aus der Nähe betrachtet sind dort einfach nur Menschen, verteilt auf Decken im Gras und Bänken und Bürgersteigen, die eine lange Reise hinter sich haben und endlich ankommen wollen. Viele von ihnen haben unterwegs kleinere oder größere Höllen durchlebt und alle haben gemeinsam, dass die Situation in ihrem Heimatland so unerträglich geworden ist, dass sie es verlassen mussten und sich auf diese Reise ins Ungewisse begeben haben. Und es sind bei Weitem nicht so viele, dass wir sie nicht aufnehmen könnten. Die Kapazitätsgrenzen dieser Stadt, dieses Landes sind noch lange nicht erreicht.

Aber mit behördlicher Ignoranz und einem als Bürokratie getarnten Unwillen wird genau dieses Bild erzeugt, das von den geifernden Kommentatoren am rechten Rand der Gesellschaft aufgegriffen wird, um den Hass zu schüren und die Botschaft zu transportieren: „Das Boot ist voll.“ Bis auch gemäßigte Bürgerinnen und Bürger beginnen zu zweifeln, ob dieses Land nicht überfordert sei und erst innerlich und dann in ihren Äußerungen Distanz und Ablehnung entwickeln gegenüber denen, die alles zurückgelassen haben und Hilfe brauchen. Und die diese Gesellschaft bereichern werden – wenn man sie lässt.

Natürlich ist es richtig, dass nicht allein der Unwille einzelner Politiker oder Behördenmitarbeiterinnen für die Lage vor dem LaGeSo verantwortlich ist. Die Flüchtlingszahlen befinden sich auch in Berlin auf einem Rekordhoch. Im Moment kommen pro Woche so viele Flüchtlinge hier an wie 2007 in einem ganzen Jahr. Dieser Herausforderung steht eine überforderte Verwaltung gegenüber, in der seit dem Jahr 2001 radikal Stellen abgebaut wurden. „Sparen bis es quietscht“ nannte Wowereit das.

Auch auf nationaler und europäischer Ebene ist man nur schlecht vorbereitet, und die EU schafft es seit Monaten nicht, zu einem gemeinsamen konstruktiven Ansatz zu finden, um die Herausforderung der Hunderttausende zu meistern, die hier ankommen werden. Aber ebenso in Berlin wie auf Bundes- oder europäischer Ebene scheint die Devise nicht zu sein, sich der Realität anzunehmen und sich gemeinsam und effektiv diesen Herausforderungen zu stellen. Die Berliner Bezirke wehren sich dagegen, leerstehende Häuser als Notunterkünfte für Flüchtlinge freizugeben. Und auch auf europäischer Ebene geht es vor allem darum, möglichst viele Flüchtlinge in andere Staaten schicken zu können, „Hauptsache nicht bei uns“. Diese Passivität trägt maßgeblich dazu bei, dass eine rechte Minderheit in der Gesellschaft heute die Debatten über Flüchtlinge und Zuwanderung dominieren kann, in der plötzlich wieder von „Überfremdung“ und „Asylmissbrauch“ die Rede ist und fast täglich ein Angriff auf eine Flüchtlingsunterkunft stattfindet.

Es war dennoch in vielerlei Hinsicht ein gutes und positives Erlebnis, heute dort zu sein, weil es mir gezeigt hat, dass es nicht nur schlechte Nachrichten gibt in diesem Zusammenhang. Vor Ort waren zeitweise sicher über fünfzig Helferinnen und Helfer, jeden Alters und aus den unterschiedlichsten sozialen Zusammenhängen. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier jede und jeder einzelne mit angepackt hat, einfach um mitmenschlich zu sein, hat mich gerührt und glücklich gemacht. Einige der Helfer waren von Anfang an dabei und haben inzwischen eine gut funktionierende Infrastruktur auf die Beine gestellt, in der Spenden verteilt, Menschen versorgt und spontane Hilfe effektiv eingesetzt werden kann. Viele kamen seit Tagen immer mal wieder zwischendurch oder waren wie ich erst an dem Tag einfach vorbeigekommen, haben ein Namensschild gekriegt und wurden eingeteilt.

Ich fand mich irgendwann mit einem studentisch aussehenden Kerl namens Sebastian vor den Absperrgittern wieder, wo wir unsere spärlichen Russischkenntnisse aus der Schule zusammengeklaubt haben, um einer kleinen Familie Schuhe in den richtigen Größen zukommen zu lassen. Gerne hätte ich diese Sprache in dem Moment besser gekonnt, und am liebsten alle möglichen Sprachen auf einmal, um mich mit den Menschen unterhalten zu können und ihre Geschichten zu hören. So stand ich einfach nur da und habe Schuhe aus einer Ikeatüte verteilt und gehofft, dass diese ganzen Menschen irgendwann wirklich hier ankommen dürfen und sich etwas aufbauen können.

Was ich durch die vielen, vielen Posts auf Facebook und seit heute vor Ort wieder deutlicher vor Augen habe ist, dass die, die den Hass schüren, tatsächlich eine Minderheit sind. Und dass es so einfach ist, einen Beitrag zu leisten, auch wenn er noch so klein sein mag. Mitmenschlichkeit ist ein Gefühl, das ganz natürlich kommt. Und jeder, der dagegenredet, wenn jemand von „Überfremdung“ spricht und jeder, der einfach nur ein paar Euro spendet oder ein paar Minuten Zeit, hat dieser Mitmenschlichkeit einen wichtigen Dienst erwiesen.


Müggelsee

August in Berlin. Die Hitze ist inzwischen bis in den letzten Winkel meines Zimmers gekrochen. Nur wenn ich alle Türen und Fenster der Wohnung offen lasse bewegt sich die Luft ganz leicht.

Letzten Samstag war ich mit Freunden am Müggelsee. Wir hatten einen Platz in einer kleinen bewaldeten Bucht gefunden, wo sich außer uns nur eine Handvoll anderer Leute niedergelassen hatten – einsam also, vergleicht man diese Badestelle mit den dieser Tage wahrscheinlich wieder hoffnungslos überfüllten Ufern von Schlachtensee und Krummer Lanke. Wir sind ins seichte Wasser gewatet und irgendwann geschwommen. Ich habe tief Luft geholt und mich auf dem Rücken über die Wellen treiben lassen, Blick zum Himmel und dann schön flach weitergeatmet, damit ich oben bleibe.

Zurück auf unseren Handtüchern haben wir kalten Cidre getrunken, gequatscht, gelesen, aufs Wasser gestarrt. Meine Freundin J. meinte, sie habe schon lange nichts mehr von mir gelesen. Das stimmt – ich habe mir schon lange keine Zeit mehr dazu genommen, etwas aufzuschreiben, zumindest nicht hier. Ich bin in der Zwischenzeit Referendarin geworden. Ich verbringe viel Zeit damit, Papierberge in Form von Gerichtsakten quer durch die Stadt zu fahren, vom Landgericht in der Littenstraße nach Hause, von dort in die Bibliothek und wieder zurück und schließlich wieder zum Landgericht. Ich habe eine Arbeitsgemeinschaft, ich mache Sport, ich treffe Freunde, ich liege irgendwo herum lese Romane und Biografien und die Zeitung. Und zwischen all dem hat, ohne dass ich es zuerst bemerkt habe, ein neuer Abschnitt angefangen. Während ich also damit beschäftigt war (beziehungsweise bin), mich zu orientieren, gab es seit einer Weile keinen Moment mehr, in dem ich mich an meinen Laptop gesetzt habe, um zu schreiben. Aber ich habe festgestellt, dass es mir gefehlt hat.

Auch jetzt gerade hänge ich so zwischen ein paar Stunden am Schreibtisch, die ich mit einem Lehrbuch für Zivilprozessrecht verbracht habe, einem schnellen Abendessen und einer Verabredung auf ein Bier an der Spree gegen später. Unter der Woche sehen die Tage gerade öfter so aus, deshalb habe ich den Ausflug zum See am letzten Wochenende umso mehr genossen. Bäume, Wasser, nur ein paar Menschen und keine Uhrzeit, zu der man wieder irgendwo anders sein muss. Wir lagen dort also unter den Bäumen am Ufer und haben uns beim Cidre über unsere Trinkgewohnheiten und gute Drinks unterhalten. Dabei sind mir die Bloody Marys eingefallen, die ich vor Kurzem an einem Wochenende im Süden für alle, die wollten als Aperitif gemacht habe. Ich habe ein IPhonefoto davon rumgereicht und dachte, dass ich gerne noch ein paar davon trinken würde, solange der Sommer hält. Mit Freunden auf dem Balkon oder irgendwo in der Natur, wo man nur grüne Blätter und den blauen Himmel sieht, wenn man nach oben schaut. Wo man wieder auf irgendwelchen Decken und Handtüchern liegt und ein bisschen Wind über einen hinwegweht, der die Hitze erträglich macht. Und wo einem manchmal die besten Ideen kommen, weil man nicht zehn Dinge gleichzeitig im Kopf hat. Nicht die nächsten drei Termine im Geiste durchgeht und überhaupt nirgendwo anders ist als genau dort.

 

Müggelsee

Müggelsee

 

Bloody Mary: Wodka, Tomatensaft, eine Prise Salz, ein Spritzer Zitrone. Pfeffer, Tabasco, ein paar Tropfen Worcestersauce. Und Selleriestangen, gestutzt auf Glashöhe (weil: schön und lecker).