Jährliche Archive: 2015


Ankommen in Berlin: Ein Tag vor dem LaGeSo in Moabit

Seit zwei Wochen erreichen mich über Facebook, Radio und Zeitungen mehrmals täglich neue Horrormeldungen. Mitten in Berlin, vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (#LaGeSo) stehen hunderte, teils über tausend Menschen bei sengender Hitze und warten. Diese Menschen sind hierhin geflüchtet und darauf angewiesen, dass das LaGeSo als berlinweit einzige Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge ihre Asylanträge aufnimmt und ihnen eine erste Unterkunft zuweist.

Der Grund für diese ganzen Meldungen ist, dass das LaGeSo mit dieser Aufgabe offenbar hoffnungslos überfordert ist. Es gibt von behördlicher Seite keine medizinische Versorgung, kein Essen, ein verdrecktes Toilettenhäuschen, und zunächst auch kein Wasser. Die Versorgung mit Wasser wurde relativ schnell von den Berliner Wasserbetrieben übernommen – und die übrige Versorgung stemmt weitestgehend das Freiwilligenbündnis Moabit hilft. Auch nach zwei Wochen hat sich daran nichts geändert, auch wenn es in der Zwischenzeit einen medienwirksamen Auftritt des Regierenden Bürgermeisters gegeben hat. Und noch immer hat am Ende des Tages nicht jeder der Ankommenden ein Bett und ein Dach über dem Kopf.

 

 

Seit die erste Meldung dieser Art in meiner Facebook-Timeline auftauchte, hatte ich das Gefühl, dass das hier alles direkt vor meiner Haustür passiert und ich eigentlich etwas tun müsste, weil Moabit nah ist und helfen so einfach. Auch wenn dahinter strukturelle Probleme stecken, die Ursachen haben, war ich schockiert, dass mitten in der Hauptstadt Menschen einfach nicht unterkommen. Nichts haben, wo sie hingehen können. Ein bisschen versöhnt mit der Menschheit habe ich registriert, wie unermüdlich die Leute von Moabit hilft eine Versorgung auf die Beine gestellt, Spenden gesammelt, Sachspenden sortiert und dadurch oft Schlimmeres abgewendet haben. Und heute habe ich es dann endlich auch mal geschafft, ein paar Sachen von mir und meinen Mitbewohnern zusammenzupacken, die in der Liste der benötigten Hilfsgüter auftauchten und bin hingefahren.

Die Organisation für die Hilfsaktion war in Haus R auf dem Gelände des LaGeSo untergebracht. Davor stand ein Holztisch mit einem freundlichen älteren Herrn dahinter, der die Sachspenden entgegengenommen hat. Ich hatte ein bisschen Zeit und fragte, ob ich irgendwo mit anpacken kann, egal wo. Der ältere Herr schickte mich zu dem Tisch nebenan, wo ich sofort ein Namensschild und ein paar Einmalhandschuhe bekam. Sicher ist wohl sicher. Im Laufe der Stunden, die ich dort verbrachte, habe ich den Namensschildstand betreut, Kleiderspenden sortiert und gemeinsam mit anderen Helfern Kleider und Schuhe an die Wartenden verteilt, die teilweise mit nichts als dem, was sie am Körper trugen, hier angekommen waren.

Die Situation war vor Ort nicht weniger schockierend als ich sie aus der Ferne empfunden habe. Und damit meine ich mit Sicherheit nicht, dass Massen von Menschen nun Berlin überfluten würden, wie es in den Kommentarspalten unter so vielen Artikeln zu lesen ist, die sich inhaltlich dem Thema annehmen. Schockierend vielmehr deshalb, weil seit Wochen hier keine menschenwürdige staatliche Erstversorgung stattfindet. Wenn man es aus der Nähe betrachtet sind dort einfach nur Menschen, verteilt auf Decken im Gras und Bänken und Bürgersteigen, die eine lange Reise hinter sich haben und endlich ankommen wollen. Viele von ihnen haben unterwegs kleinere oder größere Höllen durchlebt und alle haben gemeinsam, dass die Situation in ihrem Heimatland so unerträglich geworden ist, dass sie es verlassen mussten und sich auf diese Reise ins Ungewisse begeben haben. Und es sind bei Weitem nicht so viele, dass wir sie nicht aufnehmen könnten. Die Kapazitätsgrenzen dieser Stadt, dieses Landes sind noch lange nicht erreicht.

Aber mit behördlicher Ignoranz und einem als Bürokratie getarnten Unwillen wird genau dieses Bild erzeugt, das von den geifernden Kommentatoren am rechten Rand der Gesellschaft aufgegriffen wird, um den Hass zu schüren und die Botschaft zu transportieren: „Das Boot ist voll.“ Bis auch gemäßigte Bürgerinnen und Bürger beginnen zu zweifeln, ob dieses Land nicht überfordert sei und erst innerlich und dann in ihren Äußerungen Distanz und Ablehnung entwickeln gegenüber denen, die alles zurückgelassen haben und Hilfe brauchen. Und die diese Gesellschaft bereichern werden – wenn man sie lässt.

Natürlich ist es richtig, dass nicht allein der Unwille einzelner Politiker oder Behördenmitarbeiterinnen für die Lage vor dem LaGeSo verantwortlich ist. Die Flüchtlingszahlen befinden sich auch in Berlin auf einem Rekordhoch. Im Moment kommen pro Woche so viele Flüchtlinge hier an wie 2007 in einem ganzen Jahr. Dieser Herausforderung steht eine überforderte Verwaltung gegenüber, in der seit dem Jahr 2001 radikal Stellen abgebaut wurden. „Sparen bis es quietscht“ nannte Wowereit das.

Auch auf nationaler und europäischer Ebene ist man nur schlecht vorbereitet, und die EU schafft es seit Monaten nicht, zu einem gemeinsamen konstruktiven Ansatz zu finden, um die Herausforderung der Hunderttausende zu meistern, die hier ankommen werden. Aber ebenso in Berlin wie auf Bundes- oder europäischer Ebene scheint die Devise nicht zu sein, sich der Realität anzunehmen und sich gemeinsam und effektiv diesen Herausforderungen zu stellen. Die Berliner Bezirke wehren sich dagegen, leerstehende Häuser als Notunterkünfte für Flüchtlinge freizugeben. Und auch auf europäischer Ebene geht es vor allem darum, möglichst viele Flüchtlinge in andere Staaten schicken zu können, „Hauptsache nicht bei uns“. Diese Passivität trägt maßgeblich dazu bei, dass eine rechte Minderheit in der Gesellschaft heute die Debatten über Flüchtlinge und Zuwanderung dominieren kann, in der plötzlich wieder von „Überfremdung“ und „Asylmissbrauch“ die Rede ist und fast täglich ein Angriff auf eine Flüchtlingsunterkunft stattfindet.

Es war dennoch in vielerlei Hinsicht ein gutes und positives Erlebnis, heute dort zu sein, weil es mir gezeigt hat, dass es nicht nur schlechte Nachrichten gibt in diesem Zusammenhang. Vor Ort waren zeitweise sicher über fünfzig Helferinnen und Helfer, jeden Alters und aus den unterschiedlichsten sozialen Zusammenhängen. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier jede und jeder einzelne mit angepackt hat, einfach um mitmenschlich zu sein, hat mich gerührt und glücklich gemacht. Einige der Helfer waren von Anfang an dabei und haben inzwischen eine gut funktionierende Infrastruktur auf die Beine gestellt, in der Spenden verteilt, Menschen versorgt und spontane Hilfe effektiv eingesetzt werden kann. Viele kamen seit Tagen immer mal wieder zwischendurch oder waren wie ich erst an dem Tag einfach vorbeigekommen, haben ein Namensschild gekriegt und wurden eingeteilt.

Ich fand mich irgendwann mit einem studentisch aussehenden Kerl namens Sebastian vor den Absperrgittern wieder, wo wir unsere spärlichen Russischkenntnisse aus der Schule zusammengeklaubt haben, um einer kleinen Familie Schuhe in den richtigen Größen zukommen zu lassen. Gerne hätte ich diese Sprache in dem Moment besser gekonnt, und am liebsten alle möglichen Sprachen auf einmal, um mich mit den Menschen unterhalten zu können und ihre Geschichten zu hören. So stand ich einfach nur da und habe Schuhe aus einer Ikeatüte verteilt und gehofft, dass diese ganzen Menschen irgendwann wirklich hier ankommen dürfen und sich etwas aufbauen können.

Was ich durch die vielen, vielen Posts auf Facebook und seit heute vor Ort wieder deutlicher vor Augen habe ist, dass die, die den Hass schüren, tatsächlich eine Minderheit sind. Und dass es so einfach ist, einen Beitrag zu leisten, auch wenn er noch so klein sein mag. Mitmenschlichkeit ist ein Gefühl, das ganz natürlich kommt. Und jeder, der dagegenredet, wenn jemand von „Überfremdung“ spricht und jeder, der einfach nur ein paar Euro spendet oder ein paar Minuten Zeit, hat dieser Mitmenschlichkeit einen wichtigen Dienst erwiesen.


Müggelsee

August in Berlin. Die Hitze ist inzwischen bis in den letzten Winkel meines Zimmers gekrochen. Nur wenn ich alle Türen und Fenster der Wohnung offen lasse bewegt sich die Luft ganz leicht.

Letzten Samstag war ich mit Freunden am Müggelsee. Wir hatten einen Platz in einer kleinen bewaldeten Bucht gefunden, wo sich außer uns nur eine Handvoll anderer Leute niedergelassen hatten – einsam also, vergleicht man diese Badestelle mit den dieser Tage wahrscheinlich wieder hoffnungslos überfüllten Ufern von Schlachtensee und Krummer Lanke. Wir sind ins seichte Wasser gewatet und irgendwann geschwommen. Ich habe tief Luft geholt und mich auf dem Rücken über die Wellen treiben lassen, Blick zum Himmel und dann schön flach weitergeatmet, damit ich oben bleibe.

Zurück auf unseren Handtüchern haben wir kalten Cidre getrunken, gequatscht, gelesen, aufs Wasser gestarrt. Meine Freundin J. meinte, sie habe schon lange nichts mehr von mir gelesen. Das stimmt – ich habe mir schon lange keine Zeit mehr dazu genommen, etwas aufzuschreiben, zumindest nicht hier. Ich bin in der Zwischenzeit Referendarin geworden. Ich verbringe viel Zeit damit, Papierberge in Form von Gerichtsakten quer durch die Stadt zu fahren, vom Landgericht in der Littenstraße nach Hause, von dort in die Bibliothek und wieder zurück und schließlich wieder zum Landgericht. Ich habe eine Arbeitsgemeinschaft, ich mache Sport, ich treffe Freunde, ich liege irgendwo herum lese Romane und Biografien und die Zeitung. Und zwischen all dem hat, ohne dass ich es zuerst bemerkt habe, ein neuer Abschnitt angefangen. Während ich also damit beschäftigt war (beziehungsweise bin), mich zu orientieren, gab es seit einer Weile keinen Moment mehr, in dem ich mich an meinen Laptop gesetzt habe, um zu schreiben. Aber ich habe festgestellt, dass es mir gefehlt hat.

Auch jetzt gerade hänge ich so zwischen ein paar Stunden am Schreibtisch, die ich mit einem Lehrbuch für Zivilprozessrecht verbracht habe, einem schnellen Abendessen und einer Verabredung auf ein Bier an der Spree gegen später. Unter der Woche sehen die Tage gerade öfter so aus, deshalb habe ich den Ausflug zum See am letzten Wochenende umso mehr genossen. Bäume, Wasser, nur ein paar Menschen und keine Uhrzeit, zu der man wieder irgendwo anders sein muss. Wir lagen dort also unter den Bäumen am Ufer und haben uns beim Cidre über unsere Trinkgewohnheiten und gute Drinks unterhalten. Dabei sind mir die Bloody Marys eingefallen, die ich vor Kurzem an einem Wochenende im Süden für alle, die wollten als Aperitif gemacht habe. Ich habe ein IPhonefoto davon rumgereicht und dachte, dass ich gerne noch ein paar davon trinken würde, solange der Sommer hält. Mit Freunden auf dem Balkon oder irgendwo in der Natur, wo man nur grüne Blätter und den blauen Himmel sieht, wenn man nach oben schaut. Wo man wieder auf irgendwelchen Decken und Handtüchern liegt und ein bisschen Wind über einen hinwegweht, der die Hitze erträglich macht. Und wo einem manchmal die besten Ideen kommen, weil man nicht zehn Dinge gleichzeitig im Kopf hat. Nicht die nächsten drei Termine im Geiste durchgeht und überhaupt nirgendwo anders ist als genau dort.

 

Müggelsee

Müggelsee

 

Bloody Mary: Wodka, Tomatensaft, eine Prise Salz, ein Spritzer Zitrone. Pfeffer, Tabasco, ein paar Tropfen Worcestersauce. Und Selleriestangen, gestutzt auf Glashöhe (weil: schön und lecker).


Notiz von einem Ledersofa, Inverness

Es ist kühl hier im Norden. Dies ist mal wieder eine Notiz von unterwegs, ich reise für zweieinhalb Wochen quer durch Großbritannien. Nach 15 Stunden Busfahrt über Nacht bin ich heute Mittag in Inverness, Schottland angekommen, bepackt mit einem Rucksack, der mir über den Kopf ragt wenn ich ihn aufgesetzt habe, und müde – ziemlich müde.

Damit bin ich allerdings schon fast bei der Hälfte meiner Reise angelangt – letzten Samstag bin ich in London Gatwick gelandet. Seitdem habe ich beobachtet, wie bei „The Boat Race“ Oxford über Cambridge triumphiert hat, habe in der Tate Modern vor Mark Rothko gestaunt, war auf der Millenium Bridge und in Shoreditch, habe stylishe Bars in Soho und einen fast 500 Jahre alten Pub auf der Fleet Street von innen gesehen. Dienstag bin ich mit dem Bus weiter nach Oxford gereist, und von dort aus nach Abingdon-on-Thames, ein süßer kleiner Ort mit ca. 33.000 Menschen, in dem mir besonders die Laufstrecke entlang der Themse und der Biergarten auf einer Insel im Fluss gefallen haben. Und die alten Steinhäuser mit bunt gestrichenen Türen, die engen Gassen und nachts die gelblich leuchtenden gusseisernen Laternen. Und natürlich die Schafe. Schafe über Schafe, mit Lämmern oder ohne. Aber von denen gibt es hier in Schottland auch noch ein paar.

Hier bin ich jetzt also zwischenzeitlich gelandet, in einem kleinen Hostel mit Kaminfeuer und Garten, nicht weit entfernt vom Fluss. Wie schon erwähnt leider ziemlich kaputt. Ich bin zwar auch nach meinen letzten Übernachtfahrten, vor zwei Jahren in der Türkei, nicht unbedingt erholt irgendwo angekommen, aber dieses Mal hatte ich zusätzlich das Pech, als Letzte mitten in der Nacht in den voll besetzten Fernbus zuzusteigen, mit dem die meisten anderen Passagiere schon Stunden unterwegs waren. Verbrauchte Luft, verschlafene Gesichter und der letzte freie Sitzplatz natürlich hinten in der Mitte, direkt neben dem Klo.

Glücklicherweise ist Inverness ein kleines gemütliches Städtchen, die Sonne schien bei meiner Ankunft und ich hatte keine Mühe, zu Fuß zu meinem Hostel zu finden. Und dann erstmal raus, ein bisschen Bewegung nach der langen Fahrt: Vom Hostel aus ist man in drei Minuten am Flussufer und in einer weiteren Viertelstunde auf den Ness Islands, einer Spazierstrecke über ein paar bewaldete Inseln im Fluss mit versteckten Buchten und verwunschenen Brücken. Dort habe ich mir den Wind um die Nase wehen lassen und auf einer Bank die letzten Sandwiches von unterwegs vernichtet.

Die Innenstadt hatte ich danach schnell erkundet: So wie es aussieht gibt es ein Shoppingcenter, einen McDonald`s, drei schottische Souvenirläden (von denen einer die Fußgängerzone über Lautsprecher mit Dudelsack-Musik beschallt), einen Second-Hand-Buchladen in einer alten Kirche und einige hübsche kleine Pubs und Cafés. Für den am urigsten aussehenden Pub, The Phoenix Ale House, habe ich mich dann später zum Abendessen entschieden und Steak and Ale Pie with Chips bestellt, ein „Pub Classic“. Ich hatte mir einen Platz in der Abendsonne am Fenster ausgesucht und war in meine Zeitung vertieft, sodass mir erst gar nicht aufgefallen ist, dass ich die einzige Frau im Pub war. Die Männer standen alle an der Bar, in diverse Gespräche vertieft, und der Uhrzeit nach zu urteilen auf dem Heimweg von der Arbeit auf ein Pint oder zwei hereingekommen. Ich wurde nicht weiter beachtet, habe mich aber trotzdem gefreut, als nach einer halben Stunde noch eine weitere Frau den Raum betrat und ein Bier bestellte.

Inzwischen bin ich wieder im Hostel angekommen, sitze auf einem alten Ledersofa und werde mich heute wahrscheinlich nicht mehr sehr weit von hier weg bewegen. Übrigens: Auch wenn es hier mit 12 Grad Tagestemperatur ca. 10 Grad kälter ist als dort, wo ich gerade herkomme, ist das für die Schotten kein Grund, nicht auch endlich mal wieder in Shorts und Flipflops rauszugehen (heute mehrfach beobachtet). Und, auch übrigens: je später der Freitagabend, desto klarer wird, dass ich zum Glück in keinem dieser Partyhostels gelandet bin, in denen ab 18:00 Uhr Trinkspiele gespielt werden. Ein Typ sitzt auf einer der Bänke und liest, ein paar Leute kochen und unterhalten sich entspannt. Scheint eine angenehme Nacht zu werden.

 

Tate Modern

Tate Modern, London

 

Tate Modern

Tate Modern II

 

Millenium Bridge

Millenium Bridge, London

 

Borough Market

Borough Market, London

 

Christchurch College, Oxford

Christchurch College, Oxford

 

River Thames, Abingdon

River Thames, Abingdon

 

Schafe

Schafe

 

Ness Islands, Inverness

Ness Islands, Inverness

 


Ihre geliebte Welt: U-Bahn-Fahrten mit Sonia Sotomayor

Auf dem Weg zur U-Bahn habe ich jeden Morgen denselben Mann gegenüber an der Ampel stehen sehen, mit seiner ledernen Aktentasche, beigem Baumwollschal und vom Schlaf noch ein bisschen zotteligen grauen Haaren. Trotz der Aktentasche sah der Baumwollschal einigermaßen lässig aus, und ich habe den Mann um seine zotteligen grauen Strähnen beneidet, die auch lässig aussahen. Ich habe während der Rotphase in der Kamera meines Handys meine eigene, strengere Frisur gecheckt und bin dann so schnell es ging die Treppen hoch zur Bahn geeilt.

Die Bahn war voll um diese Uhrzeit, gegen 9:00 Uhr morgens. Je näher wir dem Potsdamer Platz kamen, desto mehr Menschen im Waggon trugen Aktentasche, und desto gedeckter wurden die Farben ihrer Mäntel. Ich war auch auf dem Weg in eins der Hochhäuser, in einen der Aufzüge, in eins der anonymen Büros am Ende des Ganges, Alltag in der Großkanzlei.

Meine liebsten Fahrten zum Potsdamer Platz in den letzten Monaten waren die, in denen ich mir die zwanzig Minuten mit den Geschichten aus dem – juristischen und persönlichen – Leben von Sonia Sotomayor vertrieben habe, die 2009 als insgesamt dritte Frau zur Richterin am US-amerikanischen Surpreme Court ernannt wurde. Sotomayor hat sie im Jahr 2013 als Memoiren unter dem Titel „My Beloved World“ (Meine geliebte Welt) veröffentlicht. Der Titel deutet bereits an, dass hier keine schreibt, die abrechnet – sondern eine, die eine Geschichte erzählen will.

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Sonia Sotomayor wächst als Tochter puertoricanischer Einwanderer in der Bronx der 50er und 60er Jahre auf. Ihr Vater ist schwer alkoholkrank und die Mutter überarbeitet und abwesend. Zuflucht findet sie bei ihrer Abuelita, trotz der schwierigen Verhältnisse immer eine Frau mit Haltung – und mit einem großen Herz für ihre Enkeltochter, für die sie zur Ersatzmutter wird. Als Sonia sieben Jahre alt ist wird bei ihr Diabetes festgestellt. Eine Diagnose, die zu dieser Zeit einen frühen Tod bedeutet, die für die junge Sonia allerdings auch dazu führt, dass sie früh selbstständig wird und lernt, sich selbst Insulin zu spritzen und auf die Signale ihres Körpers zu hören, um mit der Krankheit umzugehen.

Als sie neun ist stirbt ihr Vater an den Folgen seines Alkoholismus. Obwohl sich sein Tod abgezeichnet hatte, wird die Mutter hiervon schwer getroffen und zieht sich vor ihren Kindern in Arbeit und Depression zurück. Dennoch gibt es auch hier einen Wendepunkt, als sich die Tür zum Schlafzimmer der Mutter wieder öffnet und sie wieder beginnt, ihre Kinder nicht mehr nur finanziell zu versorgen, sondern zu umsorgen so weit sie kann. Und sie setzt sich für ihre Bildung ein, schickt Sonia auf eine katholische Schule. Auch wenn das Geld zu Hause knapp ist – das Schulgeld ist eine Investition in Sonias Zukunft. Von dieser Schule aus schafft sie es (nicht zuletzt dank Affirmative Action) nach Princeton und später auf die Yale Law School.

Sonia Sotomayor schreibt von all dem in einem derart hoffnungsvollen Ton, dass sie einen glauben macht, dass man trotz widriger Umstände alles schaffen kann, wenn man nur wissbegierig und interessiert ist – und sich einsetzt für die Dinge, an die man glaubt. Und genau das ist ein tragendes Motiv des Buches: „anderen Mut zu machen“.

Auch wenn ich keine Juristin bin, die sich aus sozial benachteiligten Verhältnissen heraus den Platz an einer Universität erkämpfen musste, so bewundere ich umso mehr ihren Mut und ihre bedingungslose Zähigkeit, die ohne Bitterkeit ist. Und so oder so kann es als Juristin ab und an sehr angenehm sein, wenn einem jemand aus dem eigenen elitären Feld Mut macht. Denn unter Juristen passiert es relativ selten, dass gerade jemand, der an einer einflussreichen Position angelangt ist, sich an die Öffentlichkeit und mit ihr an all diejenigen wendet, die diesen Weg womöglich noch vor sich haben, um die eigene Geschichte zu erzählen – verknüpft mit der Botschaft: „Was ich geschafft habe, könnt ihr auch schaffen.“

Darüber hinaus gibt es kaum einflussreiche Juristinnen oder Juristen, die so ehrlich über Konkurrenzdruck, Arbeitsbelastung und auch den ein oder anderen persönlichen Misserfolg geschrieben haben – über einen Teil also, der zur Realität von jungen Juristen ebenso gehört wie die erfolgreich absolvierten Prüfungen, Doktorarbeiten und beruflichen Stationen. Sotomayor hat einen Bericht nicht nur über ihren eigenen Werdegang geliefert, sondern auch über die Wirklichkeit und Mentalität ihres Fachbereichs.

Meine Monate in der Großkanzlei haben mir Erfahrungen eingebracht, die ich nicht missen möchte – und sicher habe ich manches gelernt. Dennoch habe ich gelächelt, als ich die folgenden Zeilen gelesen habe, eingequetscht in der Bahn zwischen Menschen im Anzug:

Ich wusste auch genau, was ich nicht wollte: ein Leben als kleines Rädchen im Getriebe einer Großkanzlei. Jahrelang in Bibliotheken herumzusitzen und Schriftsätze die verschiedenen Organisationsebenen hinauf bis zur Spitze zu schicken – das reizte mich ungefähr so sehr wie die Arbeit in einem Kohlebergwerk.

Sonia Sotomayor zog hiermit die Konsequenzen aus einem unbefriedigenden Studienpraktikum in einer führenden New Yorker Sozietät und fing nach dem Studium zuerst bei der Staatsanwaltschaft an, wo sie zwar einem enormen Arbeitspensum standhalten musste, andererseits aber sofort ihre ersten Erfahrungen im Gerichtssaal machen konnte. Später wechselte sie zu einer etwas kleineren Kanzlei und arbeitete dort im Zivilrecht, bis sie von dort aus schließlich zur Bezirksrichterin in New York ernannt wurde. An dieser Stelle endet das Buch. Sotomayor schreibt zur Wahl dieses Zeitpunkts im Prolog:

Manche Leser werden vielleicht enttäuscht sein, dass ich meine Geschichte vor zwanzig Jahren enden lasse, mit meinem ersten Richterposten. Das hat mit der persönlichen Natur dessen zu tun, was ich auf diesen Seiten vermitteln möchte. Denn ohne behaupten zu wollen, dass ich mich seit damals nicht weiterentwickelt hätte, meine ich doch, dass ich im Wesentlichen bereits der Mensch war,der ich heute bin. Ein solches Gefühl der Vollständigkeit oder Abgeschlossenheit habe ich bei meiner Richterlaufbahn nicht.

Dennoch ist sie heute, jedenfalls was ihre Karriere betrifft, angekommen. Wie wir wissen, hat diese Geschichte also eine Fortsetzung, die gerade gelebt wird. Ich wäre gespannt, in zehn oder zwanzig Jahren darüber zu lesen, was seit ihrer Ernennung zur Bezirksrichterin passiert ist.