Juni


Das beste Leben ist das gegenwärtige; aber meistens kommt einem die Gegenwart blass vor, sodass man fruchtlos und ermüdend an Vergangenheit und Zukunft herumzupft. Wenn die Gegenwart jedoch aufglüht, dann sollte man sich ihr überlassen, dachte Nelson. / Eva Menasse, Quasikristalle

Ich bin mehr Jurastudentin geworden, in Anerkennung der Aufgabe, die es ist, sich auf das Staatsexamen vorzubereiten. Und mit dem Ankommen in diesem Alltag kommen hin und wieder die Gedanken über das Danach, einen Plan haben, dann doch, angepasst in aller notwendigen Unangepasstheit. Das alles bis ich mich ins warme Gras sinken lasse um zu lesen, gerade noch kühles Bier zu trinken und den Kindern zusehe, die sich am Brunnen gegenseitig mit Wasser bewerfen. Der einzige Nachteil an Berlin ist ja das Fehlen von Bergen, größeren Wiesen und Wald.

Mir kommt es übrigens noch immer vor, als käme ich gerade erst aus der Türkei zurück. Auch wenn ich inzwischen beinahe so lange wieder hier bin wie die Zeit, in der ich weg war. Die neue Strukturiertheit meines Alltags, die mich gleichermaßen stresst, fordert und entspannt, lässt die Zeit manchmal wie im Zeitraffer vorbeiziehen. Wenn ich mit dem Fahrrad die Stargarder Straße entlangfahre, nach der Uni, ein kleiner Schlenker, fällt mir bei den vielen Menschen vor den Cafés und Eisdielen erst wieder ein, dass ich auch mal mehr Zeit hatte um in Cafés zu sitzen, herumzuphilosophieren und Kaffee zu trinken. Glücklicher war ich deswegen nicht immer.

Dennoch wird der Sommer bedeuten, die letzten Fetzen meiner Selbstdisziplin zusammenzukratzen, um trotzdem an fünf Tagen in der Woche zwischen Neun und Zehn in die Bibliothek zu fahren, und dort zu bleiben, lesen, Klausuren schreiben, Karteikarten füllen. 9 Stunden in der Woche meinen Repetitoren zuhören, die pro Stunde drei Mal das Wort examensrelevant benutzen. Eigentlich ist gerade eine ziemlich aufregende Zeit. Es fällt einem nur manchmal zwischen den ganzen Karteikarten nicht so auf.


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