Jährliche Archive: 2013


In den Wald

Die Stadt kann auf ihre abgerockte Art und Weise zauberhaft sein im Sommer, aber an manchen Wochenenden reicht das nicht, um Abstand zu den vollen Wochen zu gewinnen. Zum Glück gibt es Brandenburg. Ich habe gestern mit drei anderen, die den Sommer auch größtenteils arbeitend hier verbringen, 25 verwunschene Kilometer von Henningsdorf bis nach Wensickendorf zurückgelegt. Der Weg ist eine Etappe des 66-Seen-Wanderwegs, der Berlin einmal ganz umrundet. Am Anfang, kurz hinter Henningsdorf zog sich der geteerte Weg noch ein wenig, bis wir auf Waldpfade entlang der Briese abbiegen konnten. Ab dort dann: Ein Steg entlang des moorigen Briesetals, eine Pause an einem Kneippbecken und eine am Briesesee, der erfrischend kühl war und mit den feinen grünen und rötlichen Blättern, die auf der Oberfläche schwammen, aussah wie mit Konfetti übersäht. Ein bisschen herbstlich schon, sodass es umso schöner war, trotzdem noch zu schwimmen und danach um Wind zu trocknen.

Berlin hatte seine Klauen noch bis kurz vor Henningsdorf nach uns ausgestreckt, Schienenersatzverkehr, sodass wir erst eine Stunde später als gedacht losgehen konnten. Und so dämmerte es am Abend bereits, als wir in Wensickendorf ankamen, entspannt, aber müde und hungrig. Am Dorfanger hatte jedenfalls das „Landhotel Classic“ noch offen, ein stilistisch zweifelhaftes Etablissement, welches sich auf Hochzeiten spezialisiert hat – wahlweise Italienisch, mittelalterlich oder vielleicht doch „classic“. Egal, denn es gab kaltes Bier vom Fass und hervorragende Bratkartoffeln.

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Freibadgeruch

Die Leichtigkeit ist zurück, sie kommt mit der späten Julisonne, mit Bier und Burgern, Liegewiesen und Pommesgeruch im Freibad. Sie kommt mit der verarbeitbaren Distanz zum Winter, es ist die Zeit des Jahres, in der wir uns alle wieder vorstellen können, für immer hier zu bleiben, weil es einfach so schön ist.

Letztes Jahr bin ich mit einem Freund bei den ersten Sonnenstrahlen in der Hasenheide gewesen und nachdem der Winter wie immer lang und grau gewesen war, haben wir plötzlich mit einem Radler in der Hand darüber fantasiert, in Berlin irgendwann Kinder großzuziehen, ungeachtet dessen, wie wenig nett die Stadt zwischen November und März zu uns war. Dieses Gefühl vom Sommer in Berlin, das sich tragend selbst über eine Woche Examensvorbereitung legt, hatte ich auch heute, als ich aufgestanden bin und die Sonne schon durch die Vorhänge zu sehen war, und wir nach dem Frühstück ins Freibad am Humboldthain gefahren sind, mit dem Fahrrad die Gleimstraße entlang und dann durch den Park. Und als wir später irgendwann auf dem Helmholtzplatz saßen, im hochstehenden Gras. Danach sind wir zum nächsten Burgerladen rübergegangen, haben Curly Fries bestellt, die Tramschienen auf der Pappelallee haben in der Sonne geglänzt, während es langsam kühler wurde. Es war ein ruhiger Tag, an dem man spürt, wie viel in einem Jahr passiert, seit letztem Sommer, der noch mehr Exzess war und weniger Gleichgewicht.

 


Aspirin

Ich bin erkältet, das ganze Wochenende schon (trotz der Hitze). Und habe aus dem Grund viel Zeit damit verbracht, den einen Roman zu Ende zu lesen und einen neuen anzufangen. Im Park um die Ecke, auf dem Sofa, auf dem Bett. Trash-Zeitschriften habe ich auch gelesen, neben der aktuellen Zeit, und Gilmore Girls geschaut. Alles ziemlich unaufgeregt und halsschmerzig.

Und dann habe ich einen sehr schönen Sonntagnachmittag in der Hasenheide verbracht, mit Fanni, und ihr ausgeliehenes Longboard ausprobiert. Es war nach so viel Sofa gut, draußen zu sein, und die Hasenheide ist wirklich ein großartiger Park mit Bäumen, einem Freiluftkino, großen Wiesen und sogar zwei seltsamen Kamelen in einem Freigehege. Tagsüber jedenfalls, nachts wurden auch schon Leute dort abgestochen. Aber am Tag will einem höchstens jemand Gras verkaufen.

Seit meiner Inlineskate-Phase mit 13 hatte ich scheinbar vergessen, wieviel Spaß es macht, auf irgendwas mit Rollen zu fahren, erst langsam, dann ein bisschen schneller, geradeaus, dann mit Kurven, immer im Gleichgewicht. Nur die Avril-Lavigne-Songs, die mir dazu in den Kopf kamen, sind noch die selben. An der Skaterbahn mit der Halfpipe sind wir gekonnt vorbeigeschlittert. Man muss Avril und die Jungs ja nicht herausfordern.

 

 


Juni

Das beste Leben ist das gegenwärtige; aber meistens kommt einem die Gegenwart blass vor, sodass man fruchtlos und ermüdend an Vergangenheit und Zukunft herumzupft. Wenn die Gegenwart jedoch aufglüht, dann sollte man sich ihr überlassen, dachte Nelson. / Eva Menasse, Quasikristalle

Ich bin mehr Jurastudentin geworden, in Anerkennung der Aufgabe, die es ist, sich auf das Staatsexamen vorzubereiten. Und mit dem Ankommen in diesem Alltag kommen hin und wieder die Gedanken über das Danach, einen Plan haben, dann doch, angepasst in aller notwendigen Unangepasstheit. Das alles bis ich mich ins warme Gras sinken lasse um zu lesen, gerade noch kühles Bier zu trinken und den Kindern zusehe, die sich am Brunnen gegenseitig mit Wasser bewerfen. Der einzige Nachteil an Berlin ist ja das Fehlen von Bergen, größeren Wiesen und Wald.

Mir kommt es übrigens noch immer vor, als käme ich gerade erst aus der Türkei zurück. Auch wenn ich inzwischen beinahe so lange wieder hier bin wie die Zeit, in der ich weg war. Die neue Strukturiertheit meines Alltags, die mich gleichermaßen stresst, fordert und entspannt, lässt die Zeit manchmal wie im Zeitraffer vorbeiziehen. Wenn ich mit dem Fahrrad die Stargarder Straße entlangfahre, nach der Uni, ein kleiner Schlenker, fällt mir bei den vielen Menschen vor den Cafés und Eisdielen erst wieder ein, dass ich auch mal mehr Zeit hatte um in Cafés zu sitzen, herumzuphilosophieren und Kaffee zu trinken. Glücklicher war ich deswegen nicht immer.

Dennoch wird der Sommer bedeuten, die letzten Fetzen meiner Selbstdisziplin zusammenzukratzen, um trotzdem an fünf Tagen in der Woche zwischen Neun und Zehn in die Bibliothek zu fahren, und dort zu bleiben, lesen, Klausuren schreiben, Karteikarten füllen. 9 Stunden in der Woche meinen Repetitoren zuhören, die pro Stunde drei Mal das Wort examensrelevant benutzen. Eigentlich ist gerade eine ziemlich aufregende Zeit. Es fällt einem nur manchmal zwischen den ganzen Karteikarten nicht so auf.


Berlin – Patara Beach

Ich bin schon seit Monaten zurück in Deutschland, seit dem 31. Januar um genau zu sein, und habe in der Zwischenzeit nicht nichts geschrieben, sondern hier Notizen aus Nichtberlin gesammelt, aus Istanbul und von meinen Reisen durch die Türkei. Seit meiner Rückkehr sind tausend Dinge auf mich eingeprasselt und in dem Moment, in dem ich gerade meine Reisebilder durchgehe, um zu entscheiden, welche ich aufhängen möchte, werde ich bei diesem mädchenhaft kitschigen Bild von meinen eigenen Füßen ganz wehmütig, weil ich mich erinnere, wie großartig ich mich gefühlt habe, allein auf 17 Kilometern Strand. Wie gut es getan hat, mich allein und trotz schmerzendem Fuß bis nach vorne ans Meer gekämpft zu haben, es geschafft zu haben, meine Zehen ins Wasser zu tauchen.

Berlin hat mich wieder. Ich wurde eingesogen, in seine asphaltierten Arme genommen und schon in den ersten vierundzwanzig Stunden schneller in die Realität zurückgeholt als mir lieb war. Nun gut, hier bin ich, durchgeschüttelt, aber mit zillionen Geschichten.