Monatliche Archive: August 2012


Arbeit

„Arbeit wird simuliert, damit alles seine Ordnung hat.“ Das ist nicht Wirtschaft, sondern Beschäftigungstherapie. … Die Wahrheit bleibt revolutionär, die Wirklichkeit ein Witz. Aber die Pointe ist noch nicht erzählt. Die erste Klasse, das Recht darauf, wenigstens den größten Teil seines Lebens selbstbestimmt und ohne Zwänge zu verbringen, die kommt durch die Hintertür, leise, langsam, Schritt für Schritt. „Wir können die Arbeitsmoral nicht von heute auf morgen abschaffen. Aber wir können lernen, pfiffiger mit der Arbeit umzugehen. Wir können anfangen, uns mit uns selbst zu identifizieren und nicht nur mit dem, was wir tun müssen.“

– Wolf Lotter in: brandeins 08/2012 zum Thema „Nichtstun – und was sich daraus machen lässt“ (Die wörtlichen Zitate stammen vom Leipziger Soziologen Georg Vobruba)

Beinahe entschuldigend erzähle ich entfernten Bekannten, dass ich mich nicht planmäßig innerhalb der Regelstudienzeit zum Staatsexamen anmelde, sondern stattdessen ein halbes Jahr am Bosporus verbringe. Es ist wie mit der Abwesenheit meines iPhones, die mich selbst und mein nahes Umfeld entspannt, dem ich die zusätzliche Aufmerksamkeit widme, die bisher dem Touchscreen gehörte – während andere sich beschweren, dass mein Twitter-Account brachliege und ich nicht mehr nach fünf Minuten auf Mails reagiere.

Indessen erklärt Sigmar Gabriel, nach der Geburt seiner Tochter nicht mehr sein komplettes Leben der Politik unterzuordnen. Vielleicht befinden sich nach dem omnipräsenten Burnout der Nuller Jahre Dinge im Umbruch, vielleicht ist dieser Umbruch auch nur in meinem Kopf. In der (noch) aktuellen brandeins finden sich jedenfalls noch mehr aufgeworfene Fragen und Ansätze von Antworten über die Arbeitsphilosophie unserer Zeit. Und ich wünsche mir mehr Nichtstun um sie ganz zu lesen.


Never, ever, ever be alone

zuerst auf freitag.de

Konzert: Die Songs von Indie-Rocker Kurt Vile haben einiges an neuzeitlichen Sehnsüchten zu bieten. Kommenden Donnerstag spielt er im Berliner Festsaal Kreuzberg

Vor ungefähr einem Jahr standen wir mit Konzert-Tickets vor der Berghain-Kantine in der Abendsonne. Es war heiß, wir alle hatten einen langen Tag hinter glatten Bildschirmflächen verbracht, haben uns ein Feierabendbier gekauft und niemand hatte so richtig Lust, die zwei stiernackigen Türsteher zu passieren, um in den kleinen stickigen Raum dahinter zu kommen. Als wir von draußen hören konnten, dass Ned Collette, der Opening Act, bereits begonnen hatte, quetschten wir uns in die hinteren Reihen – und als Kurt Vile anfing zu spielen war es längst egal, dass unsere Kleider am Körper klebten.

Ein wenig so, als hätten wir zwischen den ganzen elektronischen Beats, die diese Stadt inzwischen weitgehend dominieren, auf einen gewartet, der nicht viel mehr braucht als eine anständige Gitarre und von langen, wirren Haaren fast vollständig verdeckt über Liebe und eine diffuse Zukunft singt.

When I walk in, my head is practically dragging / Yeah, and all I ever see is just a whole lot of dirt / My whole life’s been one long running gag / Two packs of red apples for the long ride home (Kurt Vile – Runner Ups)

Beim ersten Hören wirkt sein Sound aus der Zeit gefallen, erinnert an The Smiths und 90er-Grunge. Die Sehnsucht, die etwa der Song „Baby`s Arms“ mit I would never, ever, ever be alone in Worte fasst, ist eine nach Zugehörigkeit zwischen den Oberflächlichkeiten der Großstadt. Ein Gefühl, das bisher keiner besser zum Ausdruck gebracht hat als The Smiths in „There is a light that never goes out„.

Dass Kurt Vile damit auch 2011, im Erscheinungsjahr seines vierten Albums „Smoke Ring for my Halo“ einen Nerv trifft, zeigen zahlreiche begeisterte Kritiken. Pitchfork etwa findet, „Kurt Vile has a lot to say“ und bei Plattentests liest man das Wort „Wunderkind“. Auch das Konzert in der Berghain-Kantine im August, bei dem er die Platte in Berlin vorstellt, ist ausverkauft und nach zwei Stunden verlässt man den Saal leicht melancholisch, dafür aber mit dem warmen Gefühl, dass Viles Musik etwas greifbar gemacht hat, dass sonst an der Anonymität abperlt.

An diesem Donnerstag ist Kurt Vile gemeinsam mit seiner Band „The Violators“ wieder zu Gast in Berlin, dieses Mal beim Puschenfest im Festsaal Kreuzberg.  Als mindestens heimlicher Headliner des zweitägigen Festivals wird er weitere hungrige Großstadtmenschen anziehen und Geschichten erzählen, die er auch 2012 am besten erzählen kann: Über die Sehnsucht danach, anzukommen.

/ Tagestickets gibt es für 13 Euro.

/ Info: Kurt Vile ist 1980 in Philadelphia, USA, geboren. Er ist Gründungsmitglied der Band The War on Drugs und widmet sich seit 2008 seiner Solokarriere als Indie-/Rootsrocker.